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  UE-Home → History → Underground Empire 1 → Interview-Übersicht → GYPSY KYSS-Interview last update: 29.11.2021, 20:53:00  

”UNDERGROUND EMPIRE 1”-Datasheet

Contents:  GYPSY KYSS-Interview

Date:  1988/'89 (created), 12.07.1999 (revisited), 09.10.2010 (updated)

Origin:  UNDERGROUND EMPIRE 1

Status:  published

Task:  from paper to screen

Availability:  original printed issue sold out! Several later issues still available; find details here!

Comment:

Klein hatten sie begonnen, die Zygynerkysse aus dem Staate Washington. Drei Ausgaben später sollten sie zu unserem Coveract werden. Vollkommen zurecht, denn schon die Demos von GYPSY KYSS waren absolut begnadet. Leider blieb nicht nur der Löwenanteil dieser bärenstarken Tracks unveröffentlicht, sondern auch den Machern, allen voran Bandleader Michael Dickes, der rundum verdiente Durchbruch verwehrt. Und so musiziert er heute "nur" in den Kneipen seiner Heimatstadt, hat der Welt jedoch eine Menge atemberaubender Rocknummern geschenkt.

Supervisor:  Stefan Glas

 
 

GYPSY KYSS-Logo

GYPSY KYSS-Headline

Wie wir bereits im Vorwort geschrieben haben, wollen wir eine möglichst große stilistische Bandbreite in unserem Heft haben. Bislang kam die softe Ecke etwas zu kurz, aber als Ausgleich dafür nun ein Interview mit einer, ich würde sie fast schon genial nennen, Band aus dem Nordwesten Amerikas - GYPSY KYSS. Lauschet, was Gitarrist und Sänger Mike Dickes zu sagen hat.

Im Deinem letzten Brief hast Du etwas von einem Plattenvertrag erwähnt. Wie genau stehen die Aktien?

Nun, wir haben bisher noch keinen Vertrag unterschrieben, aber zwei deutsche Label haben uns einen angeboten. Es sieht so aus als würden wir einen unterschreiben, so daß wir Juni/Juli mit den Aufnahmen beginnen würden. Momentansprechen wir mit unserem Rechtsanwalt und arbeiten noch einige Details für den Vertrag aus.

Ihr habt auf Eueren drei Demos 14 Songs veröffentlicht. Ergo, es müssen für die LP einige wegfallen. Wie wir Euere Songauswahl aussehen?

Wir wissen momentan noch nicht genau, welche Songs auf die LP kommen werden. Wir haben auch einige neue Songs, die ich für unsere bislang besten halte, wie z.B. ›Pain‹, der ziemlich cool und heavy ist, oder ›In The Waiting‹, welches ein Song für den Frieden ist. Aber auch viele der alten Songs sind cool. Daher ist es schwer eine Wahl zu treffen. Wir werden wahrscheinlich fünfzehn Lieder aufnehmen und zehn für die LP auswählen. Die anderen Stücke würde ich eines Tages auch gerne veröffentlichen, da sie alle gut sind.

Wenn Euere zukünftige Plattenfirma von Euch ein gut verkäufliches Image verlangt, wie werdet Ihr dann reagieren?

Die Frage ist schwer zu beantworten. Ich kann mir schon vorstellen, daß die meisten Label wollen, daß wir so klingen oder aussehen, daß es sich einfach verkaufen läßt. Wir können nicht so tun als wären wir jemand, der wir in Wirklichkeit überhaupt nicht sind. Wenn wir uns in ihren Augen nicht richtig anziehen oder ihnen nicht hart oder soft genug sind, dann sind wir eben nicht dazu vorherbestimmt zusammenzuarbeiten.

Habt Ihr keine Bedenken, daß eine Plattenfirma nur die Absicht haben könnte, soviel Geld wie möglich in so kurzer Zeit wie möglich aus Euch herauszupumpen, ohne auch nur im geringsten an Euch als Musikern oder als Künstlern interessiert zu sein?

Ja, das ist etwas vor dem wir immer Angst haben und um das sich jeder Künstler Gedanken machen sollte. Es ist eben wichtig das Label gut abzuchecken und richtig mit ihm zusammenzuarbeiten, so daß im Endergebnis jeder kriegt, was er will, sie ihr Geld und wir unsere Karriere. Weißt Du, wir wurden schon einmal hereingelegt. EVER RAT RECORDS, die für den »Metal Meltdown III«-Sampler zuständig waren, schulden uns heute noch einen Teil unseres Geldes. Es ist zwar keine große Summe, aber wir warten immerhin schon seit zwei bis drei Jahren. Daher mache ich mir natürlich immer Sorgen darum, betrogen zu werden, aber das ist eben ein Risiko im diesem Business.

Kommen wir doch mal auf Euere Demos zu sprechen. In einer Zeitspanne von etwa einem Jahr habt ihr drei Demos mit insgesamt 14 Liedern veröffentlicht. Wie schafft ihr es trotz dieser Geschwindigkeit beim Songwriting ausschließlich exzellente Songs zu schreiben? Andere Bands zeigen dann meist Qualitätsschwankungen.

Die Frage ist für mich nicht einfach zu beantworten, da ich über meine eigenen Songs nicht objektiv urteilen kann. Ich finde, daß einige unserer Lieder gegenüber anderen abfallen. Sie sind zwar ganz okay (immer diese Tiefstapelei - Red.), aber man könnte noch einiges an ihnen verbessern. Ich glaube, je mehr ich schreibe, um so besser werde ich. Ich schreibe meine Songs anders als viele Bands heutzutage, die viel zu wenig Wert auf die Texte und das Arrangement legen. Vieles von dem, was hier in den Vereinigten Staten populär ist, ist nicht anderes als Scheiße. Bands wie MÖTLEY CRÜE oder POISON sind einfach Scheiße. Ihre Texte sind dumm und sie bringen nur Sachen, die schon tausend mal zuvor besser gemacht wurden. Ich versuche, Material zu schreiben, das einzigartig ist und unterwerfen mich keinen Schemen. Ich hoffe, das unsere Texte einen Sinn ergeben und im Gehirn des Hörers ein Bild erzeugen. Das ist zwar nicht einfach fertigzubringen, aber als Schreiber mußt Du einfach etwas machen, das Dich selbst zufriedenstellt.

GYPSY KYSS-Bandphoto 1

Die ersten beiden Demos hatten ein gedrucktes Cover, während das Neue, »Cause and Reason«, so etwas nicht hat. War es vielleicht mehr als Promotiontape für Plattenfirmen gedacht?

Wir wollten erst auch ein Cover ähnlich dem von »From Here« drucken lassen. Wir zogen auch die Möglichkeit in Betracht aus beiden ein zehn Song Demotape zu machen. Aber dann bekundeten mehrere Plattenfirmen ihr Interesse und daher richteten wir ab sofort unsere Ziele mehr darauf aus, ein gutes Album zu machen.

Hier in Deutschland seid Ihr noch total unbekannt. Außer einem oder zwei kleinen Artikeln war noch nichts zu lesen. Warum ist das so, wart Ihr nicht besonders aktiv bei der Öffentlichkeitsarbeit?

Der liegt hauptsächlich daran, daß wir erst jetzt einige Kontakte nach Deutschland bekommen. Mit dem Deal wird sich das dann verändern. Daß die Leute uns mögen, sieht man an den Verkaufszahlen unserer Demos. Ich glaube, daß die Europäer etwas mehr openminded, etwas aufgeschlossener sind, so daß wir eigentlich ganz gut ankommen könnten.

Ich würde GYPSY KYSS als eine progressive Rockband bezeichnen. Kannst Du dem zustimmen, oder wie würdest Du Euere Musik beschreiben?

Ja, progessiver Rock ist eine gute Bezeichnung. Ich mag es nämlich nicht in irgendeine Schublade gesteckt zu werden, weil ich meine Songs nicht nach einem Schema schreibe, das typisch für eine bestimmte Stilrichtung wäre. Das, was dabei herauskommt, ist einmal heavy, ein anderes Mal folky und wieder ein anderes Mal kann es nach Countrymusik klingen. Aber ich denke, progressiver Rock kommt der Sache sehr nahe.

Seht Ihr Euch eher der Hard Rock/Heavy Metal-Szene zugehörig oder der Rock/Pop-Szene?

Nun, wir wollen hundertprozentig nicht zur Popszene gehören, weil der größte Teil diese Szene in Amerika einfach shit ist (nicht nur in Amerika - Red.). Nicht, daß ich denke würde, es sei unmöglich einen guten Popsong zu schreiben, aber das, was momentan hier "in" ist, ist Müll! Wenn ich mich zwischen diesen beiden Szenen zu entscheiden hätte, würde ich die Metalszene wählen, da man einfach ungebundener, freier ist und die Grenzen nicht so eng gesteckt sind wie beim Pop.

Hat ›Ave Maria‹ einen christlichen Text?

Nein, ›Ave Maria‹ ist kein christlicher Song, er hat aber einen religiösen Unterton. Es geht eher um alle die schlechten Sachen, die auf der Welt passieren, darum, daß Politiker uns nach Strich und Faden betrügen, etc. Ich zeichne einfach ein Bild von einem Teil der Welt, so wie ich ihm sehe. Viele unserer Texte sind so. Jeder in unserem Alter sollte an dem interessiert sein, was sich um uns herum abspielt. Ich für meinen Teil bin jedenfalls nicht sonderlich daran interessiert, von irgendeiner scheiß Bombe in die Luft gejagt zu werden. Aber ich schreibe auch über andere Sachen.

Ihr seid auf dem »Metal Meltdown III«-Sampler vertreten, auf dem noch viele andere super Bands aus dem Staat Washington, wie z.B. KIL D'KOR, CYPERUS, LETHAL DOSE oder COVEN, stehen. War dieses Compilationalbum Euere erste und bislang einzige Vinylveröffentlichung?

Oh ja, da waren viele gute Bands darauf. Viele Leute denken, man müßte nach New York oder Kalifornien gehen, um gute Musik zu hören, was aber totaler Quatsch ist. Es waren zwar auch einige mittelmäßige Bands zu hören, wie z.B. SHOW AND TELL. Ich denke, sie haben den Plattenvertrag mit Enigma nicht verdient. Ich will aber keinen anderen Musiker herunterputzen, denn jeder verdient eine Chance zu bekommen. Aber es gibt einfach viele Bands, die bessere Lieder haben als SHOW AND TELL. Aber allgemein ist die Platte O.K. Die Produktion ist nicht so gut, sie haben unseren Namen falsch geschrieben, aber als unsere erste Veröffentlichung ist es ganz akzeptabel.

Wie seht Ihr Euere Chancen auf kommerziellen Erfolg oder gar auf einen Charterfolg. Auf der einen Seite ist Euere Musik nicht zu heavy, um im Radio gespielt zu werden, aber auf der anderen Seite ist sie wieder relativ kompliziert und nicht so einfach zu verdauen.

Ja, Du hast recht, aber wir haben Songs wie ›Lonely‹ oder ›Where Do You Go‹, die durchaus Hits werden könnten. Nicht, daß wir versuchen würden, um jeden Preis Hits zu schreiben, aber diese Songs sind leicht zu merken, haben eine gute Hookline und eine einfache Melodie. Ansonsten hoffe ich, daß wir Erfolg haben werden und uns nicht mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten müssen.

Verbirgt sich hinter Euerem Namen eine besondere Bedeutung?

Eigentlich nicht - ein Name ist ein Name. Wir haben lange zwischen CAPTIVE und GYPSY KYSS hin und her geschwankt. "Gipsies" (zu Deutsch: Zigeuner - Red.) sind Nomaden, die herumziehen, und daher beschreibt der Name uns, da wir nicht an einem Stil haften bleiben, sondern auch von einem zum anderen wechseln.

Wie alt seid Ihr?

Unser Drummer Pat Seaman ist 37, unser Bassist Pat Oscarson wird demnächst 19 und ich bin 21 Jahre alt.

Ihr wurdet schon desöfteren mit MARILLION oder RUSH verglichen. Was denkt Ihr von diesem Vergleich. Ich persönlich halte ihn für nicht zutreffend.

Ich auch nicht, aber viele Leute hier in den USA behaupten, wir würden wie RUSH klingen. Ich habe RUSH gehört als ich aufwuchs, aber seit etwa fünf Jahren höre ich die Band nicht mehr so intensiv. Der progressive Touch unserer Musik mag vielleicht ähnlich dem von RUSH sein, aber musikalisch und textlich sind wir ziemlich einzigartig.

Wie wahr, Mike, wie wahr. GYPSY KYSS sind eine der wenigen neuen Bands, die mich in letzter Zeit wirklich aufhorchen ließen. Ich hoffe, daß sich auch der ein oder andere Thrashfan ein Herz nimmt und sich die Band musikalisch malreintut, obwohl sie in der Kategorie "Heavyness und Speed" nicht gerade alle Weltrekorde schlagen. Wenn die Gruppe eine Plattenfirma findet, die die Qualitäten der Gruppe erkennt und diese unterstützt, so dürfte es für GYPSY KYSS wohl bald kein Halten mehr geben.

Vorbereitung, Interview & Bearbeitung:
Stefan Glas

GYPSY KYSS im Überblick:
GYPSY KYSS – Gypsy Kyss (Rundling-Review von 1990)
GYPSY KYSS – When Passion Murdered Innocence (Rundling-Review von 1990)
GYPSY KYSS – UNDERGROUND EMPIRE 1-Interview
GYPSY KYSS – UNDERGROUND EMPIRE 2-"Demoklassiker"-Artikel
GYPSY KYSS – UNDERGROUND EMPIRE 4-Interview
GYPSY KYSS – UNDERGROUND EMPIRE 7-Special
GYPSY KYSS – METAL HAMMER 17-18/90-Special
GYPSY KYSS – METAL HAMMER 10/91-"Living Underground"-Artikel
GYPSY KYSS – News vom 15.10.1991
Soundcheck: GYPSY KYSS-Album »When Passion Murdered Innocence« im "Soundcheck Metal Hammer 15-16/90" auf Platz 16
Playlist: GYPSY KYSS-Album »Colors Can Stain« in "Playboylist Underground Empire 5" auf Platz 2 von Holger Andrae
Playlist: GYPSY KYSS-Album »Groovy Soup« in "Cavelist Metal Hammer 07/92" auf Platz C von Stefan Glas
Playlist: GYPSY KYSS-Album »Gypsy Kyss« in "Playlist Metal Hammer/Crash 10/90" auf Platz 1 von Stefan Glas
Playlist: GYPSY KYSS-Album »Rain In Adams Town« in "Cavelist Metal Hammer 01/92" auf Platz C von Stefan Glas
Playlist: GYPSY KYSS-Album »Songs From A Swirling Ocean« in "Jahrescharts Metal Hammer 1991" auf Platz 7 von Stefan Glas
Playlist: GYPSY KYSS-Album »When Passion Murdered Innocence« in "Jahrescharts Metal Hammer 1990" auf Platz 8 von Stefan Glas
Playlist: GYPSY KYSS-Album »When Passion Murdered Innocence« in "Playlist Metal Hammer 15-16/90" auf Platz 3 von Stefan Glas
siehe auch: GYPSY KYSS auf dem Cover von UNDERGROUND EMPIRE 4
andere Projekte des beteiligten Musikers Michael Dickes:
DAYS OF THE DOVE – News vom 17.06.2008
Michael Dickes – Loose Ends (Do It Yourself-Review von 1998)
Michael Dickes – Thirty-Five (Rundling-Review von 2002)
Michael Dickes – Uneven Alley (Rundling-Review von 1994)
Michael Dickes – UNDERGROUND EMPIRE 7-Special
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