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Titel: Speaker's Corner
Dekolinie

Stirbt das Medium Demo?

Die technische Entwicklung hat vieles ver├Ąndert - auch in der Musik; verbessert und verschlechtert. Man denke dabei nur daran, da├č man fr├╝her f├╝r weniger als 20 Mark ein neues Vinyl erstehen konnte, heute jedoch f├╝r die gleiche Dosis Musik mindestens zehn bis f├╝nfzehn Mark mehr hinlegen darf - bestimmt keine erfreuliche Entwicklung, au├čer f├╝r die Industrie, die kr├Ąftig daran verdient. W├Ąhrend man sich dort vor Freude die H├Ąnde reibt, haben durch den technischen Fortschritt zumindest auch Underground-Bands einen Vorteil erhalten: Mu├čte man als Mucker fr├╝her Omis H├Ąuschen versetzen, um auf eigene Kappe eine Platte zu machen, so braucht man heutzutage f├╝r die erste Selbstgebackene nur noch das Sparschwein des kleinen Bruders zu pl├╝ndern.

Die Gr├╝nde daf├╝r sind mannigfaltig: Zum einen gibt es mittlerweile viele kleine unabh├Ąngige Studios, in denen man zu ertr├Ąglichen Preisen aufnehmen kann und dennoch akzeptable Resultate erzielt. Au├čerdem sind die Preise f├╝r Homerecording-Anlagen derart gesunken, bieten aber zugleich einen beachtlichen technischen Standard, da├č es durchaus nicht unm├Âglich ist, da├č sich eine Band ihre eigene 8- oder 16-Spur-Anlage in den Proberaum stellt.

Auf diese Weise kann man zwar keine Megaproduktion hinlegen, aber f├╝r eine aussagekr├Ąftige Demoproduktion reicht es allemal. Um der gebannten Kreativit├Ąt nun den Weg zum potentiellen H├Ârer zu ebnen, mu├č sie auf einen Tontr├Ąger gen├Âtigt werden. Fr├╝her war dabei die heimische Steroanlage gefragt, mit der man ein Tape nach dem anderen zurechtnudelte, denn die Pre├čkosten f├╝r eine LP oder auch EP waren nahezu unerschwinglich. Abgesehen davon gab es einige Firmen, die professionelle Kassettenkopien herstellten, was aber seinen Preis hatte. Daher sahen die meisten Demos identisch aus: kopiertes Cover nebst einer Kassette aus dem Supermarkt um die Ecke.

Doch diese ├äu├čerlichkeiten spielten nicht im geringsten eine Rolle, denn gerade zu Zeiten des US-Metals war das Demo die M├Âglichkeit schlechthin, nach oben zu kommen; was f├╝r die NWoBHM die Single war, war f├╝r den US-Metal die Demokassette. Da man noch nicht Monat f├╝r Monat mit massenhaft neuen Alben zugesch├╝ttet wurde, gab es bei den Fans eine hohe Bereitschaft, Demos zu bestellen, und viele schickten ihr Erspartes auch auf die ungewisse Reise nach Amiland.

Es gab zwar einige Bands, die nach britischem Vorbild mit einer Single begannen (Wir denken hierbei beispielsweise an SIRENs ┬╗Metro-Mercenary┬ź, die ANTHRAXschen ┬╗Soldiers Of Metal┬ź, BREAKER auf dem ┬╗Blood Money┬ź-Trip, HADES mit ┬╗Deliver Us From Evil┬ź sowie ┬╗The Cross┬ź oder AVATAR und ihre ┬╗City Beneath The Surface┬ź-7"-EP), doch das ├Ąndert nichts daran, da├č der US-Metal mehr Kultdemos hervorgebracht hat als jede andere Bewegung im Metal. Es gibt viele Namen, die sich bei diesem Stichpunkt aufdr├Ąngen - von den fr├╝hen bis zu den sp├Ąten US-Metal-Tagen (von NASTY SAVAGE, SIREN, HEATHEN oder FORBIDDEN bis HELLHOUND, OLIVER MAGNUM, LAST DESCENDANTS, PSYCHOTIC WALTZ oder ICED EARTH) - doch keiner anderen Band ist eine solche Sensation gelungen wie LEGACY: Die Band aus San Francisco, die sich kurze Zeit sp├Ąter in TESTAMENT umbenannte, konnte weltweit mehr als 4000 Exemplare absetzen. Man mu├č sich ernsthaft die Frage stellen, ob TESTAMENT mit ihrer letzten CD noch solche Verkaufszahlen erreichen konnten.

Die Bedingungen waren optimal, denn die amerikanische Szene steckte in ihrer Pionierzeit und war nicht zu bremsen. Es gab eine exzellente Fanzinelandschaft, die ganz nah am Puls der Szene war und permanent neue Geheimtips ausbuddelte. Au├čerdem waren viele Fans einfach hei├č darauf, neue Bands zu entdecken. Daher war schnell eine sehr lebhafte Tapetrader-Szene geboren: Da es unm├Âglich war, sich jedes Demo zu bestellen, nahm man sich die Tapes einfach gegenseitig auf. Da der Underground derma├čen aktiv war, hatten viele Bands schon Kultstatus erreicht, w├Ąhrend sie am Debutalbum bastelten. Wer fieberte damals nicht den ersten Platten von METAL CHURCH, AGENT STEEL, NASTY SAVAGE oder OVERKILL entgegen? Wie kompromi├člos die Bands teilweise zur Sache gingen, zeigt die Geburtschronik des '83er L├ů├ůZ ROCKIT-Demos ┬╗Prelude To Death┬ź, das bei einer Spielzeit von knapp 15 Minuten innerhalb von 20 Minuten im Studio fertiggestellt wurde (inklusive Mix wohlgemerkt). Die beste ist jedoch die Tatsache, da├č die Jungs mit diesem Tape spielend einen Deal bekamen.

Begutachtet man heute die Promop├Ąckchen von unsigned Bands, so f├Ąllt nur noch ganz selten eine Kassette aus dem Umschlag. In den meisten F├Ąllen ist es eine Rundlichkeit, die man anschlie├čend antesten darf. Heute sind die Pre├čkosten f├╝r CDs derart gesunken, da├č Kassettenkopien keinen Deut billiger sind. Einziger Nachteil: Man mu├č die komplette Auflage sofort l├Âhnen und kann nicht bei Bedarf die Kopien piece by piece herstellen. Au├čerdem ist der Gedanke kaum verlockend, da├č man auf Hunderten CDs sitzenbleibt, die man im Alter den Enkeln zum Tontaubenschie├čen zur Verf├╝gung stellen kann. Doch mal ehrlich: Wenn man erst mal ein paar Magazine und Plattenfirmen bemustert hat, den Bekanntenkreis und die ortsans├Ąssigen Fans bei Livekonzerten mit dem guten St├╝ck versorgt hat, ist eine 500er Auflage doch schon fast ausverkauft. Nicht wenige Bands haben schneller eine Nachpressung in Auftrag gegeben, als sie es sich je h├Ątten tr├Ąumen lassen.

Und selbst f├╝r obiges Problem hat sich die allm├Ąchtige Technik einen Kniff einfallen lassen: Der CD-ROM-Brenner, der Toaster f├╝r den heimischen PC, ist mittlerweile nur unwesentlich teurer als ein Schnellkochtopf mit Turbokompressor, und die zugeh├Ârigen CD-Rohlinge werden bestimmt demn├Ąchst in Kneipen als Bierdeckel verwendet, da sie einfach die kosteng├╝nstigere Alternative darstellen. So kann man geschwind die CDs zurechtbrutzeln, und mit einem Photodrucker hat man schwuppdiwupp das zugeh├Ârige Papierumfeld kreiert. Schon hat man "die erste eigene CD".

Doch ganz so einfach ist die Situation nicht, denn eine CD ruft zugleich eine Erwartungshaltung wach, die bei einer Demokassette nicht unbedingt aufkommen mu├č. Eine Band, die eine CD macht, dokumentiert damit einen gewissen professionellen Anspruch, den nur sehr wenige Produkte erf├╝llen k├Ânnen: Oft ist die Klangqualit├Ąt katastrophal und das Artwork grauenhaft, doch am gravierendsten ist die Tatsache, da├č die Musik oft erschreckend unausgereift ist. Sicherlich erlebt man immer wieder freudige ├ťberraschungen, doch man sollte nie ├╝bersehen, da├č die Einf├╝hrung eines neuen Tontr├Ągers nichts am obersten Grundsatz ge├Ąndert hat: Zun├Ąchst mu├č die Musik stimmen. Besagte US-Metal-Acts haben es geschafft, weil ihre Musik schlicht sensationell war.

Nein, die Demokassette ist keineswegs tot und wird auch gewi├č nicht so schnell sterben, denn es gibt immer noch Bands, die dieses altmodische Medium w├Ąhlen, um sich vorzustellen und abgesehen davon - was ist eine CD-R letztendlich anderes als eine selbstkopierte Demokassette in etwas ver├Ąnderter Form?


Stefan Glas

"Speaker's Corner" im ├ťberblick:
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