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  UE-Home → History → Online Empire 3 → Rubriken-Übersicht → "Copy Kills Music? - Wucherpreise Kill Music!"-''Speaker's Corner''-Artikel last update: 05.08.2022, 22:43:26  

Titel: Speaker's Corner
Dekolinie

Copy Kills Music?

Wucherpreise Kill Music!

Copy Kills Music" - dieser Slogan ziert in jüngster Zeit immer mehr CD-Hüllen. In der Plattenindustrie geht die Panik um - Mütter sperrt Eure Töchter ein: Der böse CD-Brenner ist in der Stadt.

Die Initiative hat viel Staub aufgewirbelt, doch die Firma SUPERSONIC, die zum BMG-Konzern gehört, hat nun die nächste Episode im Kopierkrimi eingeläutet - und ist damit vielleicht einen Schritt zu weit gegangen.

Gemeinsam mit dem israelischen Software-Unternehmen MIDBAR und SONOPRESS aus Deutschland hat man einen Kopierschutz für Audio-CDs entwickelt, der den Namen "Cactus Data Shield" trägt. Der Kopierschutz beruht auf einem manipulierten Table Of Contents-Eintrag im Lead-in der CD, so daß der CD-Player statt der echten Spielzeit für die Gesamtlaufzeit einen Wert von 28 Sekunden ausspuckt.
Als Versuchsballon wurden zwei SUPERSONIC-Veröffentlichungen mit diesem Kopierschutz versehen auf den Markt gebracht: »My Private War« von Phillip Boa & THE VOODOO CLUB sowie die aktuelle HIM-Scheibe »Razorblade Romance« (zu der Ihr in dieser Ausgabe auch ein Review findet).

Probleme aller Art sollten sich im Handumdrehen einstellen: Bei beiden Silberlingen verzeichnete zum Beispiel SATURN-HANSA eine erhöhte Rücklaufquote wegen angeblicher Mängel. Dies kommt nicht von ungefähr: Aufgrund des manipulierten Table Of Contents-Eintrags bricht der Computer nach 28 Sekunden die Wiedergabe vom CD-ROM-Laufwerk ab. Auf dieses Problem hat SUPERSONIC zumindest mittels eines Aufdrucks auf der CD selbst hingewiesen: "Achtung: Kopiergeschützte CD - Nicht am PC abspielbar!" Da man zwar beim Abschließen eines Knebelvertrags, nicht aber beim CD-Kauf damit rechnet, daß man auf juristische Fußangeln oder das Kleingedruckte achten muß, wäre es fair gewesen, diesen Hinweis auch auf der Hülle zu platzieren.
Doch damit nicht genug, denn viele ältere Audio-CD-Spieler müssen vor den falschen Fuffzigern ebenfalls kapitulieren. Besitzer solcher Geräte müssen in jedem Fall in die Röhre gucken.

Es stellt sich die Frage, ob sich die Plattenindustrie nunmehr der Gilde der Softwarehersteller anschließen möchte und den Hackern und Crackern einen neuen Tummelplatz für Katz und Maus-Spielchen bereiten möchte. Kopierschutz gehört bei Computerprogrammen nämlich seit jeher zur serienmäßigen Ausstattung. Jedoch gibt es ebenso eine rege Szene von Freaks, die sich einen Sport daraus machen, die für Unsummen von Geld entwickelten Schutzmechanismen mit einem galanten Schulterwurf auszuhebeln. Ehrensache, daß man dafür nur selten länger als eine Woche brauchte.
Den Höhepunkt dieses comichaften Wettstreits erlebte man bei dem Autorennspiel "V-Rally 2", das vor wenigen Wochen in die Geschäfte kam. Schon im Vorfeld proklamierte der Hersteller INFOGRAMES, man hätte einen völlig neuartigen Kopierschutz entwickelt, der mit absoluter Sicherheit nicht zu knacken sei. Ihr Irrtum hätte können nicht größer sein... David brauchte noch nicht mal einen Tag, um den neuen und verbesserten Goliath an der Grasnarbe schnuppern zu lassen: Noch am Tag der Erstveröffentlichung stand schon der Crack auf den entsprechenden Sites zum Download bereit.
Wer würde also bezweifeln, daß sich binnen kürzester Zeit auch Schlosser zusammenfinden werden, die den digitalen Dietrich für jedes Audioschloß zurechtfeilen können.
Ganz abgesehen davon ist die erste Kopiermethode schon landläufig bekannt: Audio-CD-Recorder und -Duplizierer wie der PHILIPS CDR-765 ignorieren den stacheligen Kaktus einfach und ziehen brav eine Kopie. Einziger Nachteil: Besagte Geräte schlucken nur Audio-CD-Rohlinge, für die man den doppelten Preis wie für einen normalen Rohling hinblättern muß. Da sich das Duplikat jedoch wie eine völlig normale CD ohne jeglichen Kopierschutz verhält, fällt dies nicht sonderlich ins Gewicht. Und schon kann der Finsterling Kopien en masse produzieren...

In der März/April-Ausgabe unserer Kollegen vom BREAK OUT versuchte Wolfgang Funk, Geschäftsführer von SUPERSONIC, den Einsatz des Kopierschutz zu verteidigen. Man wolle nicht das Kopieren im familiären Rahmen unterbinden - die Kopie für die kleine Schwester sei kein Problem. Nein, denn das Problem ist nunmehr, daß die kleine Schwester leer ausgeht oder der große Bruder sich zu Weihnachten einen speziellen Audio-CD-Recorder schenken läßt.
Feind Nummer 1 seien vielmehr Teenies, die mit schwarzgebrannten CDs dealen - "Heute im Angebot: CD-Rohlinge, leicht angebrannt!" Es sei dahingestellt, ob dieses Szenario auch in der Realität stattfindet oder eher ins Reich der Legenden zu verweisen ist - klar ist auf jeden Fall, daß solch' findige Geschäftemacher die ersten wären, die oben erwähnte Cracks finden und nutzen würden, während die kleine Schwester immer noch sehnlich das Fest der Liebe herbeisehnt, um dann endlich ihre Kopie in Empfang nehmen zu können.
Nicht nachvollziehbar ist jedoch, warum dies ein Problem der Neuzeit sein soll, mit dem man die momentane Rezession des Marktes erklären möchte. War es nicht zu allen Zeiten üblich, daß man auf dem Schulhof dem Kumpel mit dem neuen Vinyl eine Kassette in die Hand drückte? Schüler sind eben nur in Ausnahmefällen Millionäre und daher auf den Tausch im Freundeskreis angewiesen.
Noch weniger verständlich werden die Klagen, wenn man bedenkt, daß die Teens heute über ein weitaus größeres Kapital verfügen als frühere Generationen. Außerdem wanderten früher für eine neue Scheibe maximal 20 Mark über den Ladentisch, während es heute mehr als 30 Mark sind. Ein beträchtliches Plus im Hinblick auf die Gewinnspanne. Ist der CD-Brenner wirklich die Ursachen allen Übels?
Oder aber liegt es daran, daß die Bevölkerung schlicht nicht mehr so viel Geld zur freien Verfügung hat wie früher und darüberhinaus weniger Gegenwert dafür erhält?
Vielleicht sollte man auch das Statement in Betracht ziehen, das Frank Bornemann am Ende des ELOY-Interviews ins Felde führt. Immerhin ist er seit über 30 Jahren aktiver Musiker und hat als Besitzer des "Horus Sound Studio", Kopf des Verlags EDITION METROMANIA, etc. permanent mit dem Musikbusiness zu tun.

Man versucht, die "Copy Kills Music"-Initiative mit jenen Argumenten zu rechtfertigen, die man seinerzeit schon bei den CD-Preiserhöhungen bemüht hat: Einer Plattenfirma blieben nur noch ein paar Groschen, bis sich alle Geier (Handel, Künstler, Promo, Produktion, etc.) am CD-Festmahl gelabt hätten. Und diese Groschen brauche man, um arme Newcomer zu promoten.
Bemerkenswert ist jedoch, daß vornehmlich Majorfirmen an der "Copy Kills Music"-Kampagne beteiligt sind, während es doch schon immer hauptsächlich die Indies waren, die sich auf den unsicheren Pfaden der Talentscouts bewegen. Die Majors hingegen sind eher darauf spezialisiert, anscheinend gut gedeihende Pflänzchen mittels hochdotierter Verträge auf dem Indie-Blumenbeet zu rupfen (METALLICA, um nur ein Beispiel zu nennen), um sich dann des schnöden Mammons anzunehmen, beziehungsweise Kandidaten, die die Erwartungen nicht erfüllen konnten, wieder fallenzulassen (METAL CHURCH oder FLOTSAM AND JETSAM, um zum Ausgleich zwei Beispiele zu nennen).

Der Höhepunkt der Kaktus-Äffare könnte jedoch noch bevorstehen: Die Computerfachzeitschrift c't testet gerade in ihrem Labor, ob der Kopierschutz die Fehlerkorrektur von CD-Playern und damit auch das Digitalsignal beeinflußt. Wenn dies der Fall wäre, würden diese Tonträger den Red-Book-Standard verletzten und dürften nicht das "Compact Disc Digital Audio"-Siegel tragen.

Als Resümee bescheinigte Wolfgang Funk seiner Firma im BREAK OUT, daß der Einsatz des "Cactus Data Shield"-Kopierschutzes ein "Schritt in die richtige Richtung" gewesen sei. Die BMG hingegen gestand gegenüber c't "gewisse Schwierigkeiten" mit dem Kopierschutz ein. Außerdem erklärte man, daß man keine weiteren Neuauflagen damit versehen wolle, bis besagte Schwierigkeiten ausgeräumt seien. Seltsam...

Mindestens so seltsam wie die Tatsache, daß die Promo-CDs, die SUPERSONIC an die Presse verschickte, mit keinem Kopierschutz versehen waren. Hat man da im Hause SUPERSONIC die Probleme schon kommen gesehen und hoffte, den Kopierschutz möglichst lange geheimhalten zu können, um den Verkauf in den ersten Wochen nicht zu gefährden?
[Quellen: c't News-Archiv, c't 04/2000, BREAK OUT 3/2000]

Was denkt Ihr über das Thema? Schickt uns doch einfach eine Mail: ...aber nicht kopieren...


Stefan Glas

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