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Titel: Speaker's Corner
Dekolinie

Copy Kills Music?

Wucherpreise Kill Music!

Copy Kills Music" - dieser Slogan ziert in jĂŒngster Zeit immer mehr CD-HĂŒllen. In der Plattenindustrie geht die Panik um - MĂŒtter sperrt Eure Töchter ein: Der böse CD-Brenner ist in der Stadt.

Die Initiative hat viel Staub aufgewirbelt, doch die Firma SUPERSONIC, die zum BMG-Konzern gehört, hat nun die nÀchste Episode im Kopierkrimi eingelÀutet - und ist damit vielleicht einen Schritt zu weit gegangen.

Gemeinsam mit dem israelischen Software-Unternehmen MIDBAR und SONOPRESS aus Deutschland hat man einen Kopierschutz fĂŒr Audio-CDs entwickelt, der den Namen "Cactus Data Shield" trĂ€gt. Der Kopierschutz beruht auf einem manipulierten Table Of Contents-Eintrag im Lead-in der CD, so daß der CD-Player statt der echten Spielzeit fĂŒr die Gesamtlaufzeit einen Wert von 28 Sekunden ausspuckt.
Als Versuchsballon wurden zwei SUPERSONIC-Veröffentlichungen mit diesem Kopierschutz versehen auf den Markt gebracht: »My Private War« von Phillip Boa & THE VOODOO CLUB sowie die aktuelle HIM-Scheibe »Razorblade Romance« (zu der Ihr in dieser Ausgabe auch ein Review findet).

Probleme aller Art sollten sich im Handumdrehen einstellen: Bei beiden Silberlingen verzeichnete zum Beispiel SATURN-HANSA eine erhöhte RĂŒcklaufquote wegen angeblicher MĂ€ngel. Dies kommt nicht von ungefĂ€hr: Aufgrund des manipulierten Table Of Contents-Eintrags bricht der Computer nach 28 Sekunden die Wiedergabe vom CD-ROM-Laufwerk ab. Auf dieses Problem hat SUPERSONIC zumindest mittels eines Aufdrucks auf der CD selbst hingewiesen: "Achtung: KopiergeschĂŒtzte CD - Nicht am PC abspielbar!" Da man zwar beim Abschließen eines Knebelvertrags, nicht aber beim CD-Kauf damit rechnet, daß man auf juristische Fußangeln oder das Kleingedruckte achten muß, wĂ€re es fair gewesen, diesen Hinweis auch auf der HĂŒlle zu platzieren.
Doch damit nicht genug, denn viele Ă€ltere Audio-CD-Spieler mĂŒssen vor den falschen Fuffzigern ebenfalls kapitulieren. Besitzer solcher GerĂ€te mĂŒssen in jedem Fall in die Röhre gucken.

Es stellt sich die Frage, ob sich die Plattenindustrie nunmehr der Gilde der Softwarehersteller anschließen möchte und den Hackern und Crackern einen neuen Tummelplatz fĂŒr Katz und Maus-Spielchen bereiten möchte. Kopierschutz gehört bei Computerprogrammen nĂ€mlich seit jeher zur serienmĂ€ĂŸigen Ausstattung. Jedoch gibt es ebenso eine rege Szene von Freaks, die sich einen Sport daraus machen, die fĂŒr Unsummen von Geld entwickelten Schutzmechanismen mit einem galanten Schulterwurf auszuhebeln. Ehrensache, daß man dafĂŒr nur selten lĂ€nger als eine Woche brauchte.
Den Höhepunkt dieses comichaften Wettstreits erlebte man bei dem Autorennspiel "V-Rally 2", das vor wenigen Wochen in die GeschĂ€fte kam. Schon im Vorfeld proklamierte der Hersteller INFOGRAMES, man hĂ€tte einen völlig neuartigen Kopierschutz entwickelt, der mit absoluter Sicherheit nicht zu knacken sei. Ihr Irrtum hĂ€tte können nicht grĂ¶ĂŸer sein... David brauchte noch nicht mal einen Tag, um den neuen und verbesserten Goliath an der Grasnarbe schnuppern zu lassen: Noch am Tag der Erstveröffentlichung stand schon der Crack auf den entsprechenden Sites zum Download bereit.
Wer wĂŒrde also bezweifeln, daß sich binnen kĂŒrzester Zeit auch Schlosser zusammenfinden werden, die den digitalen Dietrich fĂŒr jedes Audioschloß zurechtfeilen können.
Ganz abgesehen davon ist die erste Kopiermethode schon landlĂ€ufig bekannt: Audio-CD-Recorder und -Duplizierer wie der PHILIPS CDR-765 ignorieren den stacheligen Kaktus einfach und ziehen brav eine Kopie. Einziger Nachteil: Besagte GerĂ€te schlucken nur Audio-CD-Rohlinge, fĂŒr die man den doppelten Preis wie fĂŒr einen normalen Rohling hinblĂ€ttern muß. Da sich das Duplikat jedoch wie eine völlig normale CD ohne jeglichen Kopierschutz verhĂ€lt, fĂ€llt dies nicht sonderlich ins Gewicht. Und schon kann der Finsterling Kopien en masse produzieren...

In der MĂ€rz/April-Ausgabe unserer Kollegen vom BREAK OUT versuchte Wolfgang Funk, GeschĂ€ftsfĂŒhrer von SUPERSONIC, den Einsatz des Kopierschutz zu verteidigen. Man wolle nicht das Kopieren im familiĂ€ren Rahmen unterbinden - die Kopie fĂŒr die kleine Schwester sei kein Problem. Nein, denn das Problem ist nunmehr, daß die kleine Schwester leer ausgeht oder der große Bruder sich zu Weihnachten einen speziellen Audio-CD-Recorder schenken lĂ€ĂŸt.
Feind Nummer 1 seien vielmehr Teenies, die mit schwarzgebrannten CDs dealen - "Heute im Angebot: CD-Rohlinge, leicht angebrannt!" Es sei dahingestellt, ob dieses Szenario auch in der RealitĂ€t stattfindet oder eher ins Reich der Legenden zu verweisen ist - klar ist auf jeden Fall, daß solch' findige GeschĂ€ftemacher die ersten wĂ€ren, die oben erwĂ€hnte Cracks finden und nutzen wĂŒrden, wĂ€hrend die kleine Schwester immer noch sehnlich das Fest der Liebe herbeisehnt, um dann endlich ihre Kopie in Empfang nehmen zu können.
Nicht nachvollziehbar ist jedoch, warum dies ein Problem der Neuzeit sein soll, mit dem man die momentane Rezession des Marktes erklĂ€ren möchte. War es nicht zu allen Zeiten ĂŒblich, daß man auf dem Schulhof dem Kumpel mit dem neuen Vinyl eine Kassette in die Hand drĂŒckte? SchĂŒler sind eben nur in AusnahmefĂ€llen MillionĂ€re und daher auf den Tausch im Freundeskreis angewiesen.
Noch weniger verstĂ€ndlich werden die Klagen, wenn man bedenkt, daß die Teens heute ĂŒber ein weitaus grĂ¶ĂŸeres Kapital verfĂŒgen als frĂŒhere Generationen. Außerdem wanderten frĂŒher fĂŒr eine neue Scheibe maximal 20 Mark ĂŒber den Ladentisch, wĂ€hrend es heute mehr als 30 Mark sind. Ein betrĂ€chtliches Plus im Hinblick auf die Gewinnspanne. Ist der CD-Brenner wirklich die Ursachen allen Übels?
Oder aber liegt es daran, daß die Bevölkerung schlicht nicht mehr so viel Geld zur freien VerfĂŒgung hat wie frĂŒher und darĂŒberhinaus weniger Gegenwert dafĂŒr erhĂ€lt?
Vielleicht sollte man auch das Statement in Betracht ziehen, das Frank Bornemann am Ende des ELOY-Interviews ins Felde fĂŒhrt. Immerhin ist er seit ĂŒber 30 Jahren aktiver Musiker und hat als Besitzer des "Horus Sound Studio", Kopf des Verlags EDITION METROMANIA, etc. permanent mit dem Musikbusiness zu tun.

Man versucht, die "Copy Kills Music"-Initiative mit jenen Argumenten zu rechtfertigen, die man seinerzeit schon bei den CD-Preiserhöhungen bemĂŒht hat: Einer Plattenfirma blieben nur noch ein paar Groschen, bis sich alle Geier (Handel, KĂŒnstler, Promo, Produktion, etc.) am CD-Festmahl gelabt hĂ€tten. Und diese Groschen brauche man, um arme Newcomer zu promoten.
Bemerkenswert ist jedoch, daß vornehmlich Majorfirmen an der "Copy Kills Music"-Kampagne beteiligt sind, wĂ€hrend es doch schon immer hauptsĂ€chlich die Indies waren, die sich auf den unsicheren Pfaden der Talentscouts bewegen. Die Majors hingegen sind eher darauf spezialisiert, anscheinend gut gedeihende PflĂ€nzchen mittels hochdotierter VertrĂ€ge auf dem Indie-Blumenbeet zu rupfen (METALLICA, um nur ein Beispiel zu nennen), um sich dann des schnöden Mammons anzunehmen, beziehungsweise Kandidaten, die die Erwartungen nicht erfĂŒllen konnten, wieder fallenzulassen (METAL CHURCH oder FLOTSAM AND JETSAM, um zum Ausgleich zwei Beispiele zu nennen).

Der Höhepunkt der Kaktus-Äffare könnte jedoch noch bevorstehen: Die Computerfachzeitschrift c't testet gerade in ihrem Labor, ob der Kopierschutz die Fehlerkorrektur von CD-Playern und damit auch das Digitalsignal beeinflußt. Wenn dies der Fall wĂ€re, wĂŒrden diese TontrĂ€ger den Red-Book-Standard verletzten und dĂŒrften nicht das "Compact Disc Digital Audio"-Siegel tragen.

Als ResĂŒmee bescheinigte Wolfgang Funk seiner Firma im BREAK OUT, daß der Einsatz des "Cactus Data Shield"-Kopierschutzes ein "Schritt in die richtige Richtung" gewesen sei. Die BMG hingegen gestand gegenĂŒber c't "gewisse Schwierigkeiten" mit dem Kopierschutz ein. Außerdem erklĂ€rte man, daß man keine weiteren Neuauflagen damit versehen wolle, bis besagte Schwierigkeiten ausgerĂ€umt seien. Seltsam...

Mindestens so seltsam wie die Tatsache, daß die Promo-CDs, die SUPERSONIC an die Presse verschickte, mit keinem Kopierschutz versehen waren. Hat man da im Hause SUPERSONIC die Probleme schon kommen gesehen und hoffte, den Kopierschutz möglichst lange geheimhalten zu können, um den Verkauf in den ersten Wochen nicht zu gefĂ€hrden?
[Quellen: c't News-Archiv, c't 04/2000, BREAK OUT 3/2000]

Was denkt Ihr ĂŒber das Thema? Schickt uns doch einfach eine Mail: ...aber nicht kopieren...


Stefan Glas

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