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  UE-Home → History → Underground Empire 7 → Rubriken-Übersicht → "Die CD - ein Verbrechen an der Musik!"-''Speaker's Corner''-Artikel last update: 24.10.2021, 19:38:38  

”UNDERGROUND EMPIRE 7”-Datasheet

Contents:  "Die CD - ein Verbrechen an der Musik!"-''Speaker's Corner''-Artikel

Date:  24.07.1994 (created), 27.06.2012 (revisited), 08.11.2016 (updated)

Origin:  UNDERGROUND EMPIRE 7

Status:  published

Task:  from paper to screen

Availability:  original printed issue sold out! Several earlier issues still available; find details here!

Comment:

Wie absurd klingen heute solche Parolen, die seinerzeit geschwungen wurden. Damalas, als man sogar mal Pläne ausrief, daß für eine CD ein regulärer Preis von 50 Deutschmärker voll und ganz gerechtfertigt sei, was man mit dem damals häufig bemühten Argument rechtfertigen wollte, daß andere Kulturgüter wie beispielsweise ein gebundenes Buch ebensoviel kosten würden. Die Plattenindustrie wurde seither von ihrem hohen Roß heruntergeholt, aber leider sollte der Sturz ins Bodenlose gehen - dank der Kostenlos-Kultur, die sich im Internet eingebürgert hat, so daß es mittlerweile eine Partei gibt, die sich ganz deren Erhalt verschrieben hat, während das sonstige politische Programm doch bestensfalls lückenhaft ist. Wenn aber niemand mehr für Musik bezahlen möchte, dann ist letzten Endes die Existenz dieses gesamten Zweiges der Unterhaltungsbranche bedroht, was über kurz oder lang heißen wird, daß keine neuen ernstzunehmenden Künstler mehr nachwachsen werden, die eines Tages die Massen bewegen können, weil es keine Möglichkeit mehr gibt, mit der Musik seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Aber es stellt schon eine gewisse Ironie des Schicksals dar, daß jenes Medium, an dem sich die Plattenindustrie immens bereichern wollte, letzten Endes ihren Untergang eingeläutet hat, weil man ein digitales Medium eben verlustfrei kopieren kann.

Supervisor:  Stefan Glas

 
 

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''Speaker's Corner''-Headline

Ich höre sie empört aufschreien. Die CD, das Wunderwerk der Technik, der entzückende Silberling, das vollendete Klangerlebnis - ein Verbrechen an der Musik??? Und ich behaupte trotzdem "JA!", so daß ich keine Wahl habe, diese meine vielleicht etwas unpopuläre Meinung deutlich darzulegen.
Wie war es früher? Es gab das Vinyl, eine runde Scheibe, 30 Zentimeter Durchmesser, ein kleines Loch in der Mitte, die Dicke je nach Preßqualität zwischen Pfannkuchen und Kanaldeckel variierend. In mattem Schwarz schimmernd, eigentlich recht umständlich zu hantieren, sollte sie dennoch wie ein rohes Ei behandelt werden, mit den Händen und Fingern nur dezent am Rand berührt werden, nur flach liegend oder senkrecht stehend gelagert werden, keiner direkten Sonnenbestrahlung ausgesetzt werden und nie irgendwelche Gegenstände außer einem extraweichen Antistatiktuch in die Nähe der Oberfläche kommen gelassen werden, sonst gab es Kratzer oder Fingerabdrücke beziehungsweise das Ding wellte sich wie jener Salat am Abend, der Mittags doch noch taufrisch gewesen war, und all' dies reduzierte das Klangerlebnis doch erheblich.
Heute? Die CD mit ihren bescheidenen zwölf Zentimetern Durchmesser, aber dafür einem größeren Loch in ihrem Zentrum. Silbrig in allen Regenbogenfarben glitzernd ganz so wie die Kugeln am Christbaum - ein Hauch von Glamour? Easy in die Hand zu nehmen, und man muß schon ziemlich brutal vorgehen, um auf dem Silberling einen Defekt zu verursachen. Hat der Player das Teil erst mal geschluckt, kann man per Knopfdruck einen bestimmten Song gezielt ansteuern oder sich gleich die gewünschte Songreihenfolge zusammenprogrammieren - ohne das lästige Hantieren mit dem Tonarm des Plattenspielers. An Fernbedienung oder "Shuffle/Random"-Funktion war bei dem Nadelteil ohnehin nicht zu denken. Ein CD-Wechsler für Schallplatten? Daß ich nicht lache! Also - bringt doch tausende Vorteile, diese CD, und warum bleibt dieser Idiot trotzdem bei seiner Meinung, daß die CD ein kriminelles Delikt auf ihrem Gewissen hat?
Das Problem liegt woanders, an einer Stelle, wo es jeder ganz deutlich spürt: bei der Kohle. Kam früher eine Platte raus, so hatte man manchmal das Glück, schon für 16,95 DM fündig zu werden, meist jedoch zumindest für 18,90 DM, und nur ganz selten mußte mehr als diesen grasgrünen Schein lockermachen. Allerhöchstens in den Läden, die es sich schon immer wert waren, etwas teurer zu sein oder wenn eine Plattenfirma ihren "Topact" mit Verkaufsgarantie in petto hatte, dann waren mal 24,95 DM angesagt. Die CD dagegen wurde mal gleich zum Preis von 26,90 DM eingeführt, durchlief bislang aber noch nicht die Karriere wie der Taschenrechner, der in seiner ersten Version in den 70er Jahren über tausend Mark kostete und die Maße eines mittleren Küchtisches hatte, während man heute mit einen zehnmal so leistungsfähigen Teil im Briefmarkenformat als Werbegeschenk geradezu totgeschmissen wird. Das Format der CD ist ja okay, aber stattdessen kletterte der Preis für die Musikkonserve langsam aber beschaulich in immer schmerzvollere Regionen und Preise knapp unter 40,- DM für eine absolut "normale" CD sind heute keine Seltenheit mehr. Der Preis liegt also bei mindestens 150 Prozent bis zu mehr als 200 Prozent dessen, was eine Schallplatte gekostet hatte. Warum aber? Ist das Material so viel teurer? Die Preßkosten grenzenlos? Und die Plastikbox? Die kostet ja auch Geld! Mitnichten! Der Herstellungspreis für eine CD liegt um minimale Pfennigsbeträge über dem für eine LP. Zudem hat der Silberling für die Industrie sicherlich noch den Vorteil, daß er beim Verschicken an die einzelnen Läden nicht so viel Sorgfalt bedarf; statt einer Frisbee-kompatiblen Papphülle mit zehn Platten kann man zehn CDs zu einem handlichen Quader verschnüren. Ist man vielleicht so nobel und gibt das nicht unerhebliche Plus dem Künstlers oder stiftet es gar dem Waisenhaus? Blödsinn! Pecunia non olet, und so behält man es einfach. Gigantische Entwicklungskosten? Sollte es sie gegeben haben, so hat man sie schon längst mit links wieder reingeholt. Man hat also ein neues Medium erfunden und damit die Gewinne beträchtlich gesteigert, ohne auch nur einen Finger dafür krumm machen zu müssen, so daß man sich zurecht zufrieden auf die Schulter klopfen kann.
Was sind die Konsequenzen dieser Entwicklung? Daß die Musik und die entsprechenden Bands dabei auf der Strecke bleiben. Einfache Rechung: Wer früher einen Hunnie für neue Platten investierte, kriegte dafür mindestens fünf Platten; heute muß er schon verschärft feilschen, wenn er wenigstens drei CDs mit nach Hause nehmen will. Die Leidtragenden dabei werden sicher nicht METALLICA sein. Die Verkäufe ihrer nächsten Scheibe sind jetzt schon sicher, selbst wenn sie noch schlechter ausfallen sollte als das aktuelle Teil. Auch AEROSMITH müssen darüber kaum weinen, denn auch ihre Kohlen sind nahezu hundertprozentig auf ihrem Konto. Die unbekannten Bands, die Newcomer dürfen in die Röhre schauen, weil für sie nur noch wenig Bares übrigbleibt. Otto-Normal-CD-Käufer grast mit seinem Budget natürlich erst mal die ganzen vermeindlichen Topacts ab und wird schon bald merken, daß Ebbe ist und so gar nicht in die Versuchung kommen, mal ein Experiment ins Ungewisse zu wagen. Also bleibt man schön im lauwarmen Fahrwasser, wo man sich unter so vielen Mitschwimmer sicher und geborgen fühlt. Daß die neue Scheibe von Newcomer x das schlappe Süppchen vom allmählich immer gähniger werdenden Megastar y um Längen überbietet, wird man also nie feststellen und mit dem Glauben, daß y doch immer noch die Kings sind, glücklich werden, weil man nie die Chance hatte herauszufinden, daß man ganz locker auf dem Holzweg gewesen war. Also darf der Newcomer glücklich sein, wenn seine Verkaufszahlen gerade so in den vierstelligen Bereich schwappen, und daher werden Labels immer vorsichtiger, unbekannten Acts einen Deal zu geben, gleich wie gut sie sind beziehungsweise sie werden viel frühzeitiger wieder auf die Straße gebeten. Wie soll da eine Weiterentwicklung möglich sein, Aufsteiger und neue Sensationen geboren werden, außer wenn ein Major seine Kohle in eine vermeindliche "neue Killertruppe" investiert und ihn solange pusht, bis entweder jeder kotzt oder sich endlich deren CD kauft. Nur, glaubt Ihr im Ernst 1983/'84 hätte sich irgendein Major einer verpickelten Kindertruppe namens METALLICA angenommen und erkannt, wie göttlich spontan und ungezügelt sie damals waren, um mit ihnen »Kill 'em All« zu produzieren? Nee! Ist es heute also überhaupt noch möglich, daß sich eine solche Karriere anbahnt, wie in obigem Fall, oder werden die meisten gleich mal zu Beginn abgewürgt? DREAM THEATER ist sicher ein mutmachendes Beispiel, aber man sollte nicht vergessen, daß sich die Jungs schon 1989 ihr erstes Denkmal setzten, bevor sie zu einer Pause gezwungen wurden, und mal ganz abgesehen davon sind DREAM THEATER eine echte Ausnahmeerscheinung, wie man sie im Jahrzehnt nur einmal findet! Man wird es in einigen Jahren sehen, ob die Musikszenen noch so kreativ ist, wie sie das in den letzten Jahren durchaus war.
Und es hätte sollen ja noch schöner kommen sollen! Der Fuffie für den Silberling, das sei das einzig wahre Ziel verkündete die Industrie großspurig, schließlich würde man für ein "gutes Buch" ja auch so viel bezahlen. Klar, schließlich kauft sich jeder Teenager jeden Monat achtmal "Faust" in der Lederedition, und schließlich schröpft jeder seinen Lohnscheck, nur um sich seine täglich taufrische Ausgabe der Bibel zu sichern. Abgesehen davon - ich habe mir schon eine Menge Bücher gekauft, mit jeglichem Seitenumfang, in jeglicher Aufmachung, wurde aber noch nie um 50,- DM geschröpft. Zum Glück ist es nicht so weit gekommen, auch weil damals alle Welt Sturm lief, was die entsprechenden Subjekte aber nicht davon abgebracht hat, die Preispolitik eben etwas schleichender, aber doch beständig in Richtung auf den kleinen Braunen zusteuern zu lassen.
Die Antwort der "Kleinen" kam recht bald beispielsweise in Form der "Ich zahl' nicht mehr"-Aktion von SPV oder INTERPOOL, einer Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Indies mit dem Ziel, CDs unter 30,- DM anzubieten. Eigentlich eine löbliche Aktion. Bedenkt man jedoch, daß man damit pro Scheibli immer noch mehr verdient als zu Vinylzeiten und vielleicht den ein oder anderen Käufer dazu bringt, verstärkt in Richtung der günstigeren Silberlinge zu schielen, und somit den eigenen Umsatz steigert, ist das eine Rechnung, auf die man sich ruhig mal einlassen kann, zumal man dadurch zusätzlich den eigenen Ruf mit etwas leuchtenderer Farbe versehen kann.
Weitere Argumente werden von denen angeführt, die sich auch heute noch dem Vinyl verbunden fühlen. Sie drehen sich zum einen um's Cover. Mag einerseits eher unerheblich sein, weil es primär um die Musik geht, wenn ich mir aber beispielsweise RUSHs »Hold Your Fire« anschaue, so kriege ich bei der Platte wegen der genialen ausdrucksvollen Schlichtheit dieses Designs eine Gänsehaut. Bei der CD muß ich mich eher fragen, was eigentlich dieser Fliegenschiß auf dem roten Hintergrund zu suchen hat. Eher als Gesichtspunkt der hoffnungslosen Nostalgiker zu sehen ist die Aussage, daß sie sich die Musik ihrer guten, alten Platten ohne das Knistern und Backgroundrauschen überhaupt nicht vorstellen könnten, so ist es aber zweifelsohne richtig ist, daß die CD steril klingt und zu keiner Zeit die lebendige Dynamik des Vinyls erzeugen kann.
Klar, auch ich kaufe CDs. Hocherfreut habe ich die beiden METAL BLADE'schen Doppelpacks der alten FATES WARNING-Alben entgegengenommen, so daß meine Platten nun definitiv nie wieder von der Nadel gequält werden müssen. Ebenso hab' ich mir »Passions« von MOON OF STEEL in Form der optisch übelkeitserregenden »Spaghetti Rock«-CD zugelegt, so daß meine wertvolle, rare Originalplatte nie wieder laufen muß. Aber bislang habe ich mich fast immer geweigert, für eine CD mehr als 30,- DM zu zahlen, auch wenn der Verzicht in Einzelfällen wehgetan hat, aber genauso haben die wenigen Griffe über diese Schallmauer ein mistiges Gefühl ausgelöst. Anfangs war noch die Alternative da, einfach weiterhin das Vinyl zu kaufen und die CD stehenzulassen. Damit ist nun auch Sense, denn entweder erscheinen neue Releases erst gar nicht als Platte oder aber es handelt sich dann um irgendwelche Specials als Picture Disc oder in farbigem Vinyl, so daß man von Herstellerseite glaubt, die Lizenz erworben zu haben, auch für das Vinyl mindestens 25,- Mark zu verlangen.
Was kann man also tun? Eigentlich bleibt nur eine Mischung aus Verzicht und Boykott, zu der auch ich mich durchgerungen habe, auch wenn das Feeling dabei nicht so toll ist. Irgendwann gibt's das Teil im Sonderangebot oder als Second Hand-Version. Zur Not gebe ich mich auch mal mit der Kassettenkopie von einem Freund zufrieden. Ich weiß nur, daß ich sicher niemals der immer weiter nach oben gedrehten Preisschraube beugen werden, um irgendwelchen Industriebossen den siebten Mercedes 500 oder das zweite Ferienhaus auf Palmira zu finanzieren, während die eigentlichen "Arbeiter", die Musiker weiterhin in ihrem verfallenen 1ZKB rumvegetieren und sich krampfhaft überlegen, was sie verkaufen könnten, um die nächste Proberaummiete zu bezahlen. Und wenn es denn gar nicht mehr anders geht - ich bin mir sicher, daß bei jedem durchschnittlichen Fan zu Hause mittlerweile genügend Musik steht, daß es Jahre dauern würde, bis man sich mit jedem einzelnen Stück mal intensiv auseinandergesetzt hat. Andere haben eine andere Antwort gefunden, indem sie sich mit Freunden zusammengetan haben und sich abwechselnd reihum eine CD kaufen und diese den anderen aufnehmen - zumeist auf DAT (= kein Qualitätsverlust).
Ich sehe in dem Silberling ein echtes Problemkind, das zwar vordergründig soooo viele Vorteile bringt, aber bei genauerer Betrachtung ein Spiegel unserer besch... Welt ist, der der Kunst, der Musik, ihrer Entwicklung sowie ihrem Genuß Schaden zufügt. Das stimmt mich traurig und zornig, denn meine Lebensphilosophie ist in hohem Maße mit Musik verbunden, und ich mag es nicht, wenn mir jemand in meinem Kram rumpfuscht! Auf jeden Fall wundert es mich kaum, daß es mittlerweile in vielen Großstädten wieder Läden gibt, die ausschließlich mit Platten handeln und wahrlich nicht schlecht frequentiert werden.


Stefan Glas

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