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  UE-Home → History → Online Empire 60 → Editorial last update: 07.03.2020, 07:33:00  

Quatsch im Quadrat?

Oder besser gesagt: Hirnri├č im Rechteckformat? Denn: Man kann es mit der Old School-Philosophie auch ├╝bertreiben. Damit spielen wir nicht auf das seit Jahren immer st├Ąrker werdende Comeback des Vinyls an, das wir im Gegenteil immer beklatscht haben, sondern auf das immer h├Ąufiger auftretende Wiederbeleben der Musikkassetten. So manche Band meint mittlerweile, da├č es schick sei, sein Demo wieder auf Tonband zu quetschen, und diverse Labels haben ebenfalls angefangen, ihre Releases in Kassettenform anzubieten. Und das ist - Entschuldigung! - nun mal wahrlich Bl├Âdsinn hoch zehn - genauso idiotisch wie der Versuch anderer Bands, den Sound von damals nachzuahmen. Irgendwann kommt noch eine Band auf die Idee, den EBONY-Sound zu glorifizieren und all' ihre Energie drauf zu verwenden, selbigen wieder aufleben zu lassen. Dabei handelte es sich h├Âchstwahrscheinlich nur um ein Grottenstudio mit unf├Ąhigen Kn├Âpfchenschiebern, wo einfach nicht mehr als dieser Rasenm├Ąhersound rauszuholen war.

Das hat nix mit Glaubw├╝rdigkeit zu tun, sondern einer Verkennung der Tatsachen von anno dazumal. In den Achtzigern gab es nun mal keine so hochwertige Studiotechnik, die sich auch eine Demoband leisten konnte. Also mu├čte man auf irgendwelchen 4-Spur-Rekordern im Proberaum seine St├╝cke festhalten, und als finanzierbares Vervielf├Ąltigungsmedium gab es nun mal nur Audiokassetten. Diese Situation zu glorifizieren, ist eine Verspottung der Bands, die mit diesen Bedingungen zu ringen hatten. Ich wei├č, was damals Bands hinlegen mu├čten, um ein halbwegs ordentlich klingendes Demo aufzunehmen, zumindest ein 08/15-Mastering dr├╝berzujagen und dann noch professionelle Kassettenkopien mit einem halbwegs anschaubaren Cover ziehen zu lassen. F├╝r diese Summen kann man heute 10.000 Exemplare eines Monumentalwerks im Vierfach-Digipack produzieren lassen!

Au├čerdem stehen wir dann eines Tages vor exakt jenem Problem - oder sollte ich eher sagen, jener Zeitbombe, die hinter mir schlummert: Da stehen mehrere Tausend Originaldemos, die ├╝ber 20 Jahre auf dem Buckel haben und teilweise vergessene Perlen enthalten, die so langsam aber sicher dem Zerfall entgegenblicken, so da├č diese Teile des Kulturguts f├╝r immer verloren sind. Diese Gefahr ist auf Vinyl nicht so sehr gegeben und auf digitalen Medien schon mal gar nicht.

Letzten Endes bestimmt doch nicht das "Ausgabeformat" die innere Haltung der Band und den Weg, den eine Aufnahme nimmt. Man kann schlie├člich auch eine mistige ProTools/Trigger-Arie auf eine Audiokassette ├╝berspielen, oder etwa nicht? Nur weil man mit einem Demotape herumwedeln kann, bedeutet doch noch l├Ąngst nicht, da├č man die Wurzeln des Metal kennt und seine Ideale beherzigt. Oder da├č man packende Songs schreiben kann, die die Zeit ├╝berdauern k├Ânnen. Denn das ist es letzten Endes, was die Old School-Bands ausgezeichnet hat: nicht nur ihr Sound und ihr Image, sondern vor allem, da├č sie unsterbliche Songs geschaffen haben. Zeitgleich mit diesen Bands existierten noch zig andere Bands, nach denen heute kein Hahn mehr kr├Ąht. Die hatten vielleicht den gleichen Sound und trugen vielleicht die gleichen Klamotten, aber ihre Songs waren eben nur Ausschu├č- oder bestenfalls Massenware. Denn: Wenn der Song stimmt, ist doch das Format egal, in dem er ver├Âffentlicht wird. Und da├č Demo-CDs letzten Endes nix anderes sind als die neue Inkarnation der Demokassetten hatten wir ja schon mal in einem "Speaker's Corner" er├Ârtert.

Die Technik ist sicherlich nicht der Feind des Old School-Metals. Sie sollte Musiker allerdings auch nicht dazu verleiten, bequeme Auswege zu suchen. Nat├╝rlich wird es immer lobenswert sein, wenn Musiker im Proberaum an sich und ihren Songs bis zum Umfallen feilen, ihre Livequalit├Ąten mit jedem nur m├Âglichen Gig verbessern und bei Aufnahmen eine m├Âglichst "lebensnahe" - oder livehaftige - Vorgehensweisen bevorzugen. Auf diese Weise wird ab und zu immer mal wieder ein Act entspringen, der die Chance hat, kommende Generation zu inspirieren. Ob er seine Musik auf Kassette oder CD festgehalten hat, wird dabei aber garantiert keine Geige spielen.

Lang leben die Rundungen!

Stefan Glas

P.S.: Der in Norddeutschland ans├Ąssige K├╝nstler Markus Vesper hat uns das Cover f├╝r diese Ausgabe gestiftet. Er ist schon seit vielen Jahren aktiv und hat unter anderem f├╝r Bands wie MANILLA ROAD, WARCRY, ASTRONOMIKON, XIRON oder ATTIC gearbeitet. Auf seiner Homepage findet Ihr diese und weitere Werke von Markus.

 
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