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  UE-Home → History → Online Empire 60 → Editorial last update: 11.01.2020, 00:54:14  

Quatsch im Quadrat?

Oder besser gesagt: Hirnri√ü im Rechteckformat? Denn: Man kann es mit der Old School-Philosophie auch √ľbertreiben. Damit spielen wir nicht auf das seit Jahren immer st√§rker werdende Comeback des Vinyls an, das wir im Gegenteil immer beklatscht haben, sondern auf das immer h√§ufiger auftretende Wiederbeleben der Musikkassetten. So manche Band meint mittlerweile, da√ü es schick sei, sein Demo wieder auf Tonband zu quetschen, und diverse Labels haben ebenfalls angefangen, ihre Releases in Kassettenform anzubieten. Und das ist - Entschuldigung! - nun mal wahrlich Bl√∂dsinn hoch zehn - genauso idiotisch wie der Versuch anderer Bands, den Sound von damals nachzuahmen. Irgendwann kommt noch eine Band auf die Idee, den EBONY-Sound zu glorifizieren und all' ihre Energie drauf zu verwenden, selbigen wieder aufleben zu lassen. Dabei handelte es sich h√∂chstwahrscheinlich nur um ein Grottenstudio mit unf√§higen Kn√∂pfchenschiebern, wo einfach nicht mehr als dieser Rasenm√§hersound rauszuholen war.

Das hat nix mit Glaubw√ľrdigkeit zu tun, sondern einer Verkennung der Tatsachen von anno dazumal. In den Achtzigern gab es nun mal keine so hochwertige Studiotechnik, die sich auch eine Demoband leisten konnte. Also mu√üte man auf irgendwelchen 4-Spur-Rekordern im Proberaum seine St√ľcke festhalten, und als finanzierbares Vervielf√§ltigungsmedium gab es nun mal nur Audiokassetten. Diese Situation zu glorifizieren, ist eine Verspottung der Bands, die mit diesen Bedingungen zu ringen hatten. Ich wei√ü, was damals Bands hinlegen mu√üten, um ein halbwegs ordentlich klingendes Demo aufzunehmen, zumindest ein 08/15-Mastering dr√ľberzujagen und dann noch professionelle Kassettenkopien mit einem halbwegs anschaubaren Cover ziehen zu lassen. F√ľr diese Summen kann man heute 10.000 Exemplare eines Monumentalwerks im Vierfach-Digipack produzieren lassen!

Au√üerdem stehen wir dann eines Tages vor exakt jenem Problem - oder sollte ich eher sagen, jener Zeitbombe, die hinter mir schlummert: Da stehen mehrere Tausend Originaldemos, die √ľber 20 Jahre auf dem Buckel haben und teilweise vergessene Perlen enthalten, die so langsam aber sicher dem Zerfall entgegenblicken, so da√ü diese Teile des Kulturguts f√ľr immer verloren sind. Diese Gefahr ist auf Vinyl nicht so sehr gegeben und auf digitalen Medien schon mal gar nicht.

Letzten Endes bestimmt doch nicht das "Ausgabeformat" die innere Haltung der Band und den Weg, den eine Aufnahme nimmt. Man kann schlie√ülich auch eine mistige ProTools/Trigger-Arie auf eine Audiokassette √ľberspielen, oder etwa nicht? Nur weil man mit einem Demotape herumwedeln kann, bedeutet doch noch l√§ngst nicht, da√ü man die Wurzeln des Metal kennt und seine Ideale beherzigt. Oder da√ü man packende Songs schreiben kann, die die Zeit √ľberdauern k√∂nnen. Denn das ist es letzten Endes, was die Old School-Bands ausgezeichnet hat: nicht nur ihr Sound und ihr Image, sondern vor allem, da√ü sie unsterbliche Songs geschaffen haben. Zeitgleich mit diesen Bands existierten noch zig andere Bands, nach denen heute kein Hahn mehr kr√§ht. Die hatten vielleicht den gleichen Sound und trugen vielleicht die gleichen Klamotten, aber ihre Songs waren eben nur Ausschu√ü- oder bestenfalls Massenware. Denn: Wenn der Song stimmt, ist doch das Format egal, in dem er ver√∂ffentlicht wird. Und da√ü Demo-CDs letzten Endes nix anderes sind als die neue Inkarnation der Demokassetten hatten wir ja schon mal in einem "Speaker's Corner" er√∂rtert.

Die Technik ist sicherlich nicht der Feind des Old School-Metals. Sie sollte Musiker allerdings auch nicht dazu verleiten, bequeme Auswege zu suchen. Nat√ľrlich wird es immer lobenswert sein, wenn Musiker im Proberaum an sich und ihren Songs bis zum Umfallen feilen, ihre Livequalit√§ten mit jedem nur m√∂glichen Gig verbessern und bei Aufnahmen eine m√∂glichst "lebensnahe" - oder livehaftige - Vorgehensweisen bevorzugen. Auf diese Weise wird ab und zu immer mal wieder ein Act entspringen, der die Chance hat, kommende Generation zu inspirieren. Ob er seine Musik auf Kassette oder CD festgehalten hat, wird dabei aber garantiert keine Geige spielen.

Lang leben die Rundungen!

Stefan Glas

P.S.: Der in Norddeutschland ans√§ssige K√ľnstler Markus Vesper hat uns das Cover f√ľr diese Ausgabe gestiftet. Er ist schon seit vielen Jahren aktiv und hat unter anderem f√ľr Bands wie MANILLA ROAD, WARCRY, ASTRONOMIKON, XIRON oder ATTIC gearbeitet. Auf seiner Homepage findet Ihr diese und weitere Werke von Markus.

 
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