KI = keine Inspiration.
Der KI-Hype ist in vollem Gange, und mancher verblendete Nerd ist davon überzeugt, daß KI alle Probleme der Menschheit lösen könne. Dabei ist KI nichts anderes als eine sehr gute Wahrscheinlichkeitsberechnungsmaschinerie - langes Wort, das eine KI garantiert niemals prognostizieren würde... Aber mehr macht KI, vereinfacht gesagt, eigentlich nicht: Sie wurde mit massenhaft existierenden Daten gefüttert und ist einfach nur gut darin, diese wiederzukäuen. So wie Ihr es von Eurem Handy kennt, wenn Ihr einen Text tippt, bei dem Euch die entsprechende App das nächste Wort vorschlägt, was einfach darauf basiert, welches Wort anhand der Trainingsdaten in der vorhergehenden Wortkonstellation früher am häufigsten folgte.
Zeitgleich nimmt die KI-Gläubigkeit schon jetzt bizarre Formen an. Ja, es ist sogar schon so weit, daß neulich jemand zu mir gesagt hatte: "Ach, Du bist Journalist? Dann hast Du es ja einfach, denn die KI kann ja Deine Texte schreiben." Als ich daraufhin erläuterte, daß ich meine Texte allesamt selbst schreibe, kam nur ein verständnisloses "Warum?" zurück.
Doch es gibt eben Menschen, die KI schon längst für mehr als für die oben im Sinnzusammenhang heruntergebrochenen Wortvorhersagen nutzen. Manche User lassen sich von der KI gar alle Fragen beantworten und die ganze Welt erklären. Aber anhand welcher Trainingsdaten die KI zu ihren Ergebnissen gelangt, und ob diese korrekt oder moralisch vertretbar waren, weiß mit Sicherheit noch nicht mal der Entwickler der KI. Und leider werden mittlerweile zu oft diese KI-Ergebnisse unreflektiert als die letzte Wahrheit angesehen; die Digital Age-Entsprechung dessen, wenn früher gesagt wurde: "Aber es hat doch in der Zeitung gestanden..." oder "Im Fernsehen haben sie gesagt..."; und damals konnte man zumindest noch darauf hoffen, daß da ein Menschen zwar gute Absichten hatte, ihm aber ein Fehler unterlaufen ist, der zu einer solchen Ente geführt hat. In einer Zeit, in welcher der - politisch - mächtigste Mann der Welt allerdings Lügen am laufenden Band produziert, tickt die Uhr in dieser Hinsicht ganz anders. Denn woher soll die KI wissen, was aus diesem - unfassbarererweise zum zweiten Male - berufenen Munde Wahrheit und was Lüge ist? Auch irgendwelche Verschwörungstheorien und QAnon-Kinderfresser-Absurditäten findet man am laufenden Band im Internet. Muß also die KI nicht davon ausgehen, daß dies Tatsachen sind? Denn: Rein mathematisch gesehen, tauchen sie relativ häufig auf, womit sie für die KI einen hohen Stellenwert einnehmen müssen.
Doch wie ist das bei der Musik? Meldungen besagen, daß der Anteil der Musik auf den großen Streaming-Plattformen, die mit KI-Unterstützung entstanden ist, sich schon fast 50 Prozent annähert. Kein Wunder, daß wir in unseren News berichten konnten, daß erst Bandcamp, dann Deezer und schließlich Tidal in den letzten Monaten entweder, wie Bandcamp, KI-Musik ganz von ihrer Plattform verbannt haben oder, wie Deezer und Tidal, zumindest markieren, ob bei der Entstehung der Musik die KI ihre digitalen Finger im Spiel hatte. Dies ist auch dringend nötig, denn hier war kein Künstler am Werk, der seine Seele in seiner Kunst entblößt, sondern es waren nur ein paar Computerchips, die aus bereits existierenden Stücken etwas zusammengemischt und hervorgewöllt haben. Erinnert an so manchen HipHoper oder Rapper, der zwar hervorragend stottern, aber eben keine Songs schreiben kann. Nein, es ist schlimmer, denn selbst wenn bei der Entstehung dieser Remixe kaum Geistesblitze nötig waren, so hat doch zumindest ein menschlicher Geist diesen Plan ersonnen und versucht, aus etwas bekanntem zumindest etwas marginal neues zu erschaffen.
Doch KI kann noch nicht einmal das, denn KI kennt keine Inspiration, KI ist nicht kreativ.
Sicher: Bei unseren letzten Coverartworks waren einige dabei, bei denen die Künstler mit KI gearbeitet haben. Aber diese hatten stets eine Idee im Kopf, wie das Werk aussehen sollte, und haben zur Umsetzung dessen KI bemüht. Daß da aber immer noch der Mensch im Spiel ist, sehen wir beim aktuellen Cover: Als ich dem verantwortlichen Künstler Socialgatheringstar mitteilte, daß ich dieses Kunstwerk gerne verwenden würde, es aber ein paar Probleme gäbe, was beispielsweise die Positionierung unseres Logos anging, veränderte er sein Kunstwerk entsprechend. So ungefähr war ja auch unser 100. Cover entstanden, das für mich den ersten Kontakt zu generativer KI im Kunstbereich darstellte, was Ihr am Ende des zugehörigen Editorials etwas ausführlicher nachlesen könnt: Auch da hatte ich das von der KI angebotene Resultat mittels Photoshop weiter bearbeitet, bis ich mit dem Resultat zufrieden war - obwohl Photoshop ja auch gewissermaßen eine Form von künstlicher Intelligenz ist, die in die Form eines Programmes gepreßt wurde, so daß der Mensch damit arbeiten kann.
Also halten wir nochmal den Umstand fest, daß KI nur davon wissen kann, was schon passiert ist. Ja, es ist wichtig, sich dessen bewußt zu sein, was die Menschheit in der Vergangenheit gemacht und erschaffen hat, denn daraus kann man sehr viel lernen und auch Fehler vermeiden, die schon einmal begangen wurden; daß der Mensch aber noch nicht mal das schafft, zeigt der aktuelle Aufschwung der rechten Volksverhetzer weltweit. Zu diesem Gedanken paßt doch hervorragend die Tatsache, daß eben jene braune Rattenfänger besonders gut darin sind, in den sogenannten sozialen Medien ihre Volksverdummung voranzutreiben - um mal nur ein Stichwort zu nennen: KI-generierte Lügen-Videos.
Doch kommen wir zurück zu dem, was KI leisten kann - und was eben nicht: Eine gute trainierte KI kann beispielsweise hervorragend mithelfen, Röntgenbilder zu interpretieren und erkennt darauf dann vielleicht auch mal winzige, aber wichtige Details, die ein völlig übermüdeter Arzt nach einer 36-Stunden-Schicht übersieht. Das ist hilfreich, aber es ist letzten Endes nur die weiterentwickelte Version der Fehlerkorrektur in Eurem Schreibprogramm. Doch wenn die Menschheit - gerade abgesichts der immensen Herausforderungen, vor denen wir stehen, um ein weiteres Überleben auf dem blauen Planeten zu ermöglichen - sich weiterentwickeln und zielgerichtete Lösungen finden möchte, dann kann sie das nur mittels der eigenen Genialität, die in ihr schlummert, schaffen. Und daher ist der aktuelle Hype um die KI ein riesiger Irrtum, der uns eines nicht zu fernen Tages um die Ohren fliegen wird.
Um abschließend ein Beispiel aus der Musikwelt für die KI-Krux zu nennen: der KI-Videogenerator "Mozart-KI", vom dem Ihr mit Sicherheit schon mal einen Werbeclip gesehen habt, wenn Ihr gelegentlich YouTube-Videos schaut. Das Versprechen dort lautet, daß man sich selbst in einem Videoclip sehen und singen hören kann - was "Mozart-KI" auch sicherlich einlösen kann. Zu diesem Zweck müsse man nur eine Sprachprobe aufnehmen, mittels derer die eigene Stimme analysiert wird, ein Photo hochladen und den Song auswählen, den man covern möchte. Und dann sagt das - zweifelsohne sehr eingängige - Werbejingle, würde "Mozart-KI" das Video in Sekunden
erstellen. Wer vielleicht schon mal bei einer Videoproduktion involviert gewesen war, weiß, wie weit dies von der realen, analogen Realität entfernt ist. Ich möchte an dieser Stelle überhaupt nicht darauf verweisen, daß ein solcher Song erstmal geschrieben, geprobt und ausgefeilt werden muß, bevor er im Studio aufgenommen werden kann - und man sich dann überhaupt Gedanken machen kann, ob der Song die Qualität hat, um ein Video dazu zu erschaffen. Dann geht es nämlich los: Konzept für das Video ersinnen, Storyboard entwerfen, Technik und Crew organisieren, Darsteller und Komparsen anheuern, Drehtag festlegen, Stunden über Stunden mit Filmaufnahmen, Schnitt des Filmmaterials, Fertigstellung des Videos. Dies ist nur ein Grobraster dessen, was notwendig ist, bevor ein Video dann auf eine Plattform hochgeladen werden kann - und das wird garantiert nicht in Sekunden
zu erledigen sein. Ergo: Bei "Mozart-KI" müssen alle diese Arbeiten zuvor schon von Menschen erledigt worden sein, so daß die App nun die vom User eingegebenen Stimm- und Bilddaten kurzerhand hineinrendert. In einem so klar vorgegebenen Szenario kann eine KI auch durchaus gute Ergebnisse erzeugen, die der User sogar lustig oder imposant finden kann.
Doch was ist mit einer offenen Frage, die bei einem Prompt eingegeben wird, und somit der KI komplett freien Lauf gelassen wird? Bestenfalls kann man sagen, daß KI nur bereits existente menschliche Leistungen, die sie in sich hineingefressen hat, kannibalisiert und dann auf Kommando irgendein teilverdautes Machwerk wieder ausspuckt. Na, Mahlzeit, wenn das die Zukunft der Menschheit sein soll...
Es lebe der Mensch, denn nur der Mensch lebt.
P.S.: Das oben schon erwähnte, aktuelle Coverkunstwerk, das der Brite "Socialgatheringstar" unter Mithilfe von KI erschaffen hat, trägt den passenden Titel "The Blood Queen Awakening". Der Schöpfer hat schon für verschiedene Künstler gearbeitet, zu denen beispielsweise DEMIURGE zählt. Auf seiner DeviantArt-Präsenz findet Ihr weitere seiner Werke, die er unter Zuhilfenahme von KI erstellt hat.











