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Ehrlich bescheuert!?

Ist derjenige, der brav in den Laden geht, um eine CD zu erwerben, wirklich ein Vollidiot? Zumindest scheint diese Ansicht in den Chefetagen mancher Plattenfirmen vorzuherrschen. Anders läßt sich die "Großtat", die sich die Firma SONY BMG neulich geleistet hat, wohl nicht erklären.

Es ist mittlerweile fast sechs Jahre her, daß wir den ersten Artikel zum Thema Kopierschutz gebracht hatten. Der Anlaß war damals der erstmalige Einsatz des "Cactus Data Shield"-Kopierschutzes. Ihm sind seither unzählige andere Kopierschutzmaßnahmen gefolgt, die allesamt zwei Dinge gemeinsam hatten: Für den Käufer waren sie ein Ärgernis und für Byte-Tüftler ein nettes Hacking-Übungsgelände. Ergo: Kurze Zeit später war der Kopierschutz keiner mehr, aber die ehrlichen Käufer hatten nach wie vor eine Un-CD im Schrank stehen.

Daher wollte man auf Industrieseite wohl härtere Geschosse auffahren und war offensichtlich gewillt, jedem selbsternannten Technik-Messias Glauben zu schenken, dessen Versprechungen groß genug waren. Doch der erhoffte Segen sollte ausbleiben...

Die komplette Geschichte könnte fast einem Hitchcock-Drehbuch entstammen: Am 31. Oktober veröffentlichte Mark Russinovich, der in der Computer-Welt als ein Papst für Sicherheitsfragen rund um Windows angesehen wird, eine Studie, die innerhalb kürzester Zeit ungeahnte Wellen schlug. Russinovich hatte zufällig mittels der Van Zant-CD »Get Right With The Man« entdeckt, daß SONY BMG einen Kopierschutz auf die CD gepackt hatte, der ungefragt ein sogenanntes "Rootkit" installiert, sobald man die CD in den PC einlegt. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die technischen Einzelheiten darzulegen, aber allgemeinert gesprochen, öffnet ein solches Rootkit - ähnlich wie es Würmer oder Backdoorviren tun - Tür und Tor zu dem betreffenden PC. Ein Hacker, der also etwas von dieser Sicherheitslücke weiß, kann auf diesem Weg ungehindert eindringen. Wen würde es wundern, daß nur wenige Tage später das erste Hackertool lokalisiert wurde, das genau zu diesem Zweck programmiert wurde... Daß es darüber hinaus aufgrund des Kopierschutzes gelegentlich zu Systemabstürzen mit möglichem Datenverlust kam, scheint an dieser Stelle nur eine Randnotiz zu sein.

Nach Veröffentlichung dieser Studie verteidigte SONY BMG zunächst noch vehement ihr vermeintliches Wunder der Technik und kündigte an, den Kopierschutz auch auf dem europäischen Markt einzusetzen. Man ließ sich noch nicht einmal davon beeindrucken, daß eine Kapazität wie Russinovich zu dem Schluß kam, daß der XCP betitelte Kopierschutz sehr unsauber programmiert sei und offensichtlich jemand am Werke gewesen sei, dem schlicht das notwendige Hintergrundwissen fehlte, um sich an die Programmierung einer solchen Software herantrauen zu dürfen.

Erst als ein weltweiter Sturm der Entrüstung losbrach, begann SONY BMG heftig zurückzurudern und bot einen Patch an, der den Kopierschutz vom Computer entfernt - aber es zugleich auch unmöglich machte, die CDs mit XCP-Kopierschutz weiterhin auf dem PC abzuspielen. Dieser Patch wurde offensichtlich jedoch so schnell zusammengestoppelt, daß er Systemabstürze verursachte und ungefragt Verbindung zu den SONY BMG-Servern aufnahm - was irgendwie an die Geschichte vom Bock erinnert, der zum außerirdischen Gärtner gemacht wurde, und nun nach Hause telephonieren wollte...

Derart in die Ecke gedrängt, erklärten sich SONY BMG bereit, die XCP-CDs gegen solche ohne Kopierschutz umzutauschen. Da diese natürlich erst gepreßt werden mußten, kam die europäische Presse zum Jahresende in den Genuß, bei einigen aktuellen SONY BMG-Produkten mit Dual Discs bemustert zu werden, die aus technischen Gründen nicht mit Kopierschutz versehen werden können...

Doch auch dies ist noch nicht das Ende der Geschichte, denn kurze Zeit später sollte ein neuer MICROSOFT-Sicherheitspatch das von XCP installierte Rootkit als bösartige Software einstufen. Das rief im Staate New York sogar den Staatsanwalt auf den Plan, der kurzerhand seine Häscher in die Plattenläden ausschickte, um alle CDs mit XCP zu beschlagnahmen.

Mitte Dezember, also sechs Wochen nach Beginn dieser unkopierbaren Affäre, sollte von technischer Seite her der Schlußpunkt gesetzt werden: MICROSOFT veröffentlichte ein Tool, das zuverlässig und endgültig das XCP-Rootkit von den infizierten Rechnern entfernte.

Doch für SONY BMG ist dies gewiß noch nicht das Ende des Alptraums: Nicht nur, daß man - mal wieder - Millionen Dollar für die Entwicklung eines "todsicheren" Kopierschutzes zum Fenster rausgeschmissen hatte, darüber hinaus hat man sich selbst einen PR-GAU eingebrockt, der wohl eine ähnliche Größenordnung annehmen dürfte wie seinerzeit der Skandal um die Erdölbohrinsel "Brent Spa" für SHELL.

Bleibt zu hoffen, daß man in Reihen der Plattenbosse wenigstens etwas aus diesem Reinfall gelernt hat - auch wenn die Erfahrungen aus der Vergangenheit eher in eine andere Richtung deuten.

Keine Frage: Illegales Downloading und organisiertes Schwarzbrennen im großen Stil sind ein ernstes Problem für die Musikindustrie; aber zugleich ist die "mp3-Kultur" auch eine willkommene Ausrede für eigene Kapitalfehler, die man in den letzten Jahren begangen hat. Doch darüber könnte man endlos weiterphilosophieren - ganz so wie wir es in besagtem Artikel getan hatten.

Es ist aber genauso klar, daß Kopierschutztechniken nicht der richtige Weg sein können. Die Lösung kann nun mal nicht lauten, die Ehrlichen, die Ihr Geld in Musik investieren wollen, für dumm zu verkaufen, indem man ihnen Un-CDs - bestenfalls technisch minderwertigen Schrott, schlimmstenfalls gemeingefährliche Sabotagewerkzeuge - andreht!

Es bleibt dabei: Copy-protection kills music!

Stefan Glas

P.S.: Unser Dank für das aktuelle Coverartwork geht an Chris "Saiyan" Kallias, der beispielsweise schon für Acts wie STEEL PROPHET, MANTICORA, Hubi Meisel, ANGE oder NIGHTSHADE den Pinsel geschwungen hat. Weitere Arbeiten von Chris könnt Ihr auf seiner Homepage bewundern.

 
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