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"Earthshaker Fest" 2004

Geiselwind, Autohof

23.-24.07.2004

Hatte das "Earthshaker Fest" im letzten Jahr bei seinem Debut noch in einem Zelt stattgefunden, hatte man sich 2004 eine "echte" Open Air-Location ausgesucht: den größten Autohof Deutschlands in Geiselwind, der sich als sehr angenehmes Fleckchen mit einem ganz eigenen Flair für ein Festival entpuppte. Einen eher skurrilen Anblick gaben jedoch die zum Autohof gehörenden Gebäude ab: Die sogenannte Multifunktionshalle, die als Backstagebereich diente, hätte man aufgrund ihres quietschbunten Äußeren besser Multicolorhalle genannt. An der Decke der Halle erspähte man deplaziert wirkende, kitschige Sterne und Halbmonde, was wohl damit zusammenhing, daß in dieser Halle sonst solche Kaliber wie die Kastelruther Spatzen aufrocken... Die integrierte Autobahnkapelle ist in ähnlich modernen Stil gehalten, wobei der Turm - aus Versehen oder etwa doch nicht? - wie das ultimative Phallussymbol aussah.
Doch nun wollen wir Euch mitteilen, was wir zwischen endlosen Anfahrtsstaus und Regenchaos vom Festival mitbekamen.

PRIMAL FEAR waren die letzte Band, die noch in gewohnter Manier ihre Show durchziehen konnten, während beim Umbau dunkle Wolken aufzogen und kurze Zeit später das Unwetter losging, das rundherum schon seit einigen Stunden tobte.

PRIMAL FEAR-Liveshot

FEAR FACTORY hatten gerade die Bühne betreten, als es begann sintflutartig zu regnen und noch keine Viertelstunde später fiel mit einem dumpfen Schlag der Strom aus. Eigentlich waren FEAR FACTORY als Headliner geplant gewesen, doch sie hatten mit ROSE TATTOO getauscht, da die Amis am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe ihren Flug von Holland aus erreichen mußten. Nun hatten sie noch früher Feierabend, da Regen und Wind fast zwei Stunden anhielten und das Wasser ohnehin binnen kürzester Zeit in die letzten Ritzen geflossen war, so daß man es unmöglich riskieren konnte, die Anlage nochmal anzuschalten.
Das einzige Trostpflaster war, daß es sich um das letzte Konzert von ROSE TATTOO auf ihrer Tour handelte, so daß es möglich war, die Band am nächsten Tag dazwischenzuschmuggeln, was allerdings bedeutete, daß die ersten sechs Bands ihren Set kürzen mußten.

Earthshaker Fest-Shot

Es gab lediglich zwei Elemente, die ein wenig die gute Erdbebenlaune trübten: So scheint Geiselwind das Wespen- und Mistbienen-Eldorado Deutschlands zu sein, so daß man ständig von diesen geflügelten Lebewesen umschwirrt wurde. Gleiches galt auch für die Polizei, die direkt neben dem Autohof ihre Wachstation haben und auf den Hügeln rund um das Gelände Stellung bezogen hatten, so daß man ein wenig das Gefühl hatte, sich in einem bewachten Lager zu befinden. Doch das sollte uns nicht weiter stören, sondern wir stürzten uns in den zweiten Tag des "Earthshaker Fests".

PSYCHOPUNCH-Liveshot

Den Anfang machten die schwedischen Ass-Kicker PSYCHOPUNCH, die wie auf ihren Platten tight spielten und ordentlich rockten, während ihre Bühnenperformance jedoch eher lahm war. Kenner sprechen jedoch davon, daß die Band im Club weitaus besser abgehen würde. Wahrscheinlich war die arg mikrige Menge, die zum Großteil gemütlich auf dem Boden saß und keinen Finger zum Mitrocken krumm machte, nicht gerade das perfekte Stimulanz für PSYCHOPUNCH. Doch immerhin hatte die Band das Glück, daß sie noch trockenen Fußes durch ihren Gig kamen - ganz im Gegensatz zu den beiden nachfolgenden Bands.

DREAM EVIL-Liveshot

So war nämlich ein zehnminütiger Schauer angesagt als DREAM EVIL das »Book Of Heavy Metal« livehaftig aufschlugen. Zum Glück hatte die Bühne ein Dach, denn sonst wäre bestimmt das silbrige Make-up der Musiker, das schon auf den aktuellen DREAM EVIL-Promophotos zu sehen gewesen war, weggespült worden. Die optische Krönung war jedoch Drummer Snowy Shaw, der mit einer Henkerskapuze spielte, so daß man sein Markenzeichen, seine blonde Mähne, nicht mehr sehen konnte. Nicht zu sehen war auch Gitarrist Gus, der mit MYSTIC PROPHECY im Studio weilte, so daß DREAM EVIL mit einem Gastgitarrist antraten, der Gus allerdings würdig zu vertreten wußte.
Da DREAM EVIL aufgrund von Fredrik Nordströms Verpflichtungen in seinem Studio nur selten live zu sehen sind, war dies der einzige Open Air-Auftritt der Kapelle in diesem Jahr und so ging dieses rare Ereignis begeisternd und mitreißend über die Bühne.

LEAVES' EYES-Liveshot

Obgleich ATROCITY ihren "Earthshaker"-Auftritt absagen mußten (so daß DISBELIEF kurzfristig einsprangen), kamen sie dennoch zum Zug, da die Musiker bekanntlich als Backing Band bei LEAVES' EYES, dem neuen Projekt der ehemaligen THEATRE OF TRAGEDY-Sängerin Liv Kristine, fungieren. Der Blickfang war jedoch erwartungsgemäß Liv, die - extrem hochgeschnürt - eine sehr SM-mäßige Optik bot. Doch ansonsten blieb die Show blaß und es war erschreckend wie unbeholfen Liv Kristine stellenweise bei ihren Ansagen wirkte, obgleich sie mit THEATRE OF TRAGEDY doch genügend Liveerfahrung gesammelt haben müßte. Daher erntete die Truppe relativ wenig Resonanz, obgleich sich der Platz allmählich ein wenig füllte. Lediglich Livs Gatte Alex Krull konnte für ein wenig Action sorgen - nämlich bei jenen Songs, zu denen er wie schon auf der Platte die "bösen" Vocals beisteuerte, womit dann auch ATROCITY auf der Bühne glücklich wiedervereint waren. Hoffen wir auf einen besseren LEAVES' EYES-Gig beim "Summer Breeze".

Es folgten die Lokalmatadoren JUSTICE, die im "Earthshaker"-Lande auf eine riesige Gefolgschaft zählen können, so daß die Stimmung deutlich nach oben ging und schon bevor die Band die Bühne enterte permanente "JUSTICE"-Sprechchöre zu hören waren. Leider jedoch hat die Band nur Durchschnittsmetal anzubieten, bevor dann in DEW-SCENTED wieder ein ganz anderes Kaliber folgte.

DEW-SCENTED-Liveshot

Wir durften nämlich einen Abgesandter aus der Kategorie "Championsleague der deutschen Thrash-Gesellen" begrüßen: DEW-SCENTED. Supertight und spielfreudig fegte die Band über das Publikum hinweg, wo unzählige Mähnen im Takt mitflogen. Sänger Leif Jensen bewies sich dabei wie gewohnt als souveräner Frontmann mit sympathischer Ausstrahlung und auch der neue Basser Alex, der von OBSCENITY stammt, kam showtechnisch hervorragend rüber. Alex' Kollege Oli sollte beim wenige Wochen später stattfindenden DEW-SCENTED-Gig beim "Up From The Ground"-Festival an der Schießbude aushelfen, da DEW-Drummer Uwe Werning nach dem "Earthshaker"-Auftritt aus beruflichen Gründen vorerst seinen Rücktritt vom aktiven Musikgeschäft erklären mußte. Derweil danke für diese feine "lesson in high-quality thrash", Männer!

MANTAS [GB]-Liveshot 1

Dann sollten wir die Möglichkeit erhalten, der Frage nachzugehen, warum ein Drittel Schlangengift plötzlich zum Irokesen geworden ist. Will heißen: Ex-VENOM-Gitarrist Jeff Dunn alias Mantas stellte beim "Earthshaker Fest" seine neue Band vor, was eigentlich auch beim diesjährigen "Rock Station Festival" hätte stattfinden sollen, wo die Band kurzfristig aufs Billing gerutscht war und noch kurzfristiger wieder abgesprungen war.
Nach dem oberpeinlichen VENOM-Auftritt in Wacken vor vier Jahren war dies also die erste Gelegenheit, den ehemals blonden Jüngling (nun mit runderneuerter Optik) wieder auf deutschen Brettern zu erleben. In den Reihen von MANTAS befindet sich neben dem Namensgeber übrigens ein weiterer Oldtimer: Ex-ATOMKRAFT-Basser Tony "The Demolition Man" Dolan, der gemeinsam mit Mantas auch schon während der "Cronos-freien" Phase bei VENOM gezockt hatte.
Musikalisch boten MANTAS Thrash mit einigen Hardcore-Elementen, die vor allem von den Vocals von Sänger Bry herrührten, jedoch waren die Songs bestenfalls Durchschnitt. Die Band mühte sich immerhin redlich, showtechnisch Pluspunkte zu sammeln. Auch Drummerin Cherisse spielte optisch sehr wirkungsvoll und abgesehen von ihren visuellen Vorzügen spielte sie besser als VENOM-Drummer Abaddon es wohl nach zehn Leben Schlagzeugunterricht schaffen würde, so daß man in den ungewohnten Genuß kam, richtig "taktierte" VENOM-Songs zu hören, denn MANTAS mixten ›Warhead‹, ›Black Metal‹ und ›Witching Hour‹ unter ihre neuen Stücke.

MANTAS [GB]-Liveshot 2

Zeit für die "Reingequetschten"! Dennoch hatte man ROSE TATTOO eine Spielzeit von 80 Minuten zugestanden, so daß die Australier ihr volles Brett hobeln konnten - obgleich einer der Handwerker fehlte, da für den erkrankten Pete Wells auf der diesjährigen Europatour Dai Pritchard als Aushilfsgitarrist einspringen mußte, der schon in den Bands von Billy Thorpe und Jimmy Barnes gespielt hatte.
ROSE TATTOO schlugen sich mit ihrem dreckigen Rock'n'Roll auch inmitten deutlich extremerer Bands formidabel und bestätigten ihre Ausnahmestellung in der Szene. Kein Wunder, wenn man einen Fronter wie Angry hat: Er gab in seiner weißen Malermontur ein sehr cooles Bild ab, steigerte sich bis zur totalen Gesichtsverzerrung in seine Lines rein und war zusammen mit Udo der charismatischste Frontmann des Festivals.

ROSE TATTOO-Liveshot

Zurück ins "reguläre" Programm, wo uns zwei deutsche Thrashgranaten erwarteten, die beide auf die 3-Mikrotechnik bauten und die gnadenlos erfrischend in unserem Gesicht explodierten. Das Publikum dankte SODOM und DESTRUCTION mit einer ausgelassenen Stimmung dafür.

U.D.O.-Liveshot

Rituale sind etwas feines. Sie bewirken, daß sich Udo und sein Publikum überall auf der Welt blind verstehen: Er braucht nur ein "Hei" anzustimmen, um tausendfach ein "Di-Heido-Heida" zurückzubekommen; bei ›Balls To The Wall‹ kommt das "Sign Of Victory" stets wie auf Bestellung und bei ›Princess Of The Dawn‹ weiß jeder, wann er in den Mitsingchor einsteigen muß. Das erleichtert die Sache für beide Seiten und erhöht den Spaßfaktor - der auch in Geiselwind gigantisch war. Obgleich der "Bang Your Head"-Auftritt von 2003 wohl unerreichbar bleiben wird, zauberte U.D.O. auch beim "Earthshaker Fest" mit der wohlabgeschmeckten Mischung aus den besten U.D.O.-Stücken und den ewigjungen ACCEPT-Klassikern eine ausgelassene Stimmung.

HELLOWEEN-Liveshot

Und alles was danach kommen würde, mußte nahezu zwangsläufig ein laues Lüftchen sein. Obgleich Andy Deris ebenfalls ein Tarnhemd trug, konnte er keinesfalls mit seinem Vorgänger mithalten, zumal der HELLOWEEN-Fronter offenkundig massive Stimmprobleme hatte, denn sein Gesang vor allem bei den hohen Parts verursachte körperliche Schmerzen. Vielleicht hatte ja Gitarrist Weiki, der sich im Dauerraucheinsatz befand, seinem Sänger zu viel Rauch ins Gesicht geblasen...
Obgleich HELLOWEEN nicht an ihre gute Leistung vom "Sweden Rock" anknüpfen konnten, schafften sie es doch immerhin, daß das "Earthshaker Fest" nicht in ein totales Stimmungsloch fiel, da die Hamburger viele alte Kürbisnummern auspackten. Ansonsten war das Festivalset "Mutig 2004" angesagt, da man erneut schon im ersten Teil des Sets das vierzehnminütige ›Keeper Of The Seven Keys‹ zückte und bei ›Power‹ den fast schon widernatürlich langen Mitsingpart bemühte. Wie wäre es statt der Jodelorgie beim nächsten Mal vielleicht mit ›Gorgar‹ oder ›Phantoms Of Death‹, Jungs?
Auf jeden Fall waren die Kürbisse mindestens eine Position zu hoch im Billing positioniert, zumal HELLOWEEN 15 Minuten später begannen und auf diese Weise ihren Set kürzten, so daß man diese Zeit sicherlich besser für eine längere U.D.O.-Spielzeit "investiert" hätte. Vielleicht hätten wir dann sogar Udo in Pfaffenmontur (im Falle ›Holy‹) oder Stefan mit dem Akkordeon (im Falle ›Trainride To Russia‹) erleben dürfen.
Auf jeden Fall war es allerhöchste Zeit für HELLOWEEN abzutreten als einige Individuen eine Metal-Polonäse starteten...

IN FLAMES-Liveshot

IN FLAMES schafften es dann wieder, die Stimmung auf U.D.O.-Niveau bringen - zumindest wenn sie die richtigen Songs spielten. Denn: Ein Drittel des Sets bestand aus neuen Nummern und »Soundtrack To Your Escape« ist nun mal nicht das stärkste IN FLAMES-Album. Ganz gleich, ob Fronter Anders betonte, daß IN FLAMES eine Band sei, die auf ihre neuen Nummern vertraut - wobei es schon vielsagend ist, wenn man sich genötigt fühlt, mittels einer Ansage derart für die neuen Songs in die Bresche zu springen - letztendlich ist es egal, wie neu oder alt die Songs sind; sie müssen beim Publikum ankommen! Und die Band müßte von der Bühne den besten Überblick haben, wie mager die Resonanzen bei den meisten Neulingen ausfielen (und die Ausrede, daß die Stücke den Fans noch nicht so geläufig seien, kann man nicht gelten lassen, da die Platte schon einige Monate auf dem Markt ist und IN FLAMES bereits die zugehörige Hallentour absolviert haben), während das Publikum bei anderen Nummern wortwörtlich tobte: Ganz gleich ob es die gute alte Dampframme ›Behind Space‹ oder die aktuelle Single ›The Quiet Place‹, ob es ›Only For The Weak‹ oder ›Colony‹ war - hier steppte der Bär. Und in Form von ›The Jester Race‹, ›Ordinary Story‹, ›Worlds Within The Margin‹, ›Free Fall‹ oder ›Bullet Ride‹ haben IN FLAMES wahrlich noch genügend ähnlich bärenstarke Hits in der Hinterhand. Darüber sollte sich die Band ein paar Gedanken machen.Zusätzlich zur gewohnten, ausgewachsenen Pyroshow hatten IN FLAMES in Geiselwind einen special effect im Gepäck: Anders fragte, ob Drummer im Publikum wären und holte einen der Fingerstrecker auf die Bühne, um ihn zu bitten, ein Drumsolo zu spielen; Anders führte aus, daß IN FLAMES nämlich allesamt "crappy" Musiker seien, aber alle guten Heavy Metal-Bands könnten ein Drumsolo bei ihren Konzerten vorweisen. Der Gastmusiker (mehr oder minder) wider Willen kämpfte sich halbwegs respektabel durch seine Drumattacke - vor allem wenn man bedenkt, daß er wahrscheinlich nicht gerade optimal vorbereitet war...
Leider gab es vor der Headlinershow eine unverhältnismäßig lange Umbaupause, so daß IN FLAMES erst gegen Mitternacht auf die Bühne gingen, letztendlich nur 73 Minuten spielten und die Show ohne Zugabe beendeten. Ein wenig mehr Feuersbrunst wäre schon wünschenswert gewesen.

Doch trotz dieser beiden Kritikpunkte waren IN FLAMES ein würdiger Abschluß für das "Earthshaker Fest", bei dem 3.500 Fans anwesend waren und das sich hoffentlich wird etablieren können.


Stefan Glas

Photos: Stefan Glas


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