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Contents:  "Nachwuchswettbewerb der Musikschule" 1997-''Living Underground''-Artikel

Date:  02.07.1997 (created), 02.07.2022 (revisited), 02.07.2022 (updated)

Origin:  FEEDBACK

Status:  published

Task:  from paper to screen

Supervisor:  Stefan Glas

 
 

"Nachwuchswettbewerb der Musikschule" 1997

Kaiserslautern, JUZ

18.-20.06.1997

Szene pur konnte man vom 18. bis 20. Juni im Kaiserslauterer JUZ erleben. Die Musikschule der Stadt Kaiserslautern, die Rheinpfalz und der Südwestfunk veranstalteten unter der Schirmherrschaft von Staatsministerin Dr. Rose Götte einen Nachwuchswettbewerb. Zugelassen waren Bands aller Stilrichtungen aus der Stadt und dem Landkreis Kaiserslautern. In Dreierpackages gaben sich die Finalisten an diesen drei Tagen die Ehre. Die Länge der einzelnen Sets lag jeweils zwischen 30 und 45 Minuten; nach einer kurzen Umbaupause und Soundcheck wurde jeweils der nächste Act auf die Bühne gebeten.

DREAMS OF DAWN-Liveshot

Den Anfang markierte eine in jeder Hinsicht blutjunge Band: DREAMS OF DAWN. Die Band bestand zu diesem Zeitpunkt erst ein knappes Jahr und die Musiker zählten zwischen 16 und 17 Lenze, während die Sängerin unglaubliche 13 Jahre jung war. Dennoch boten DREAMS OF DAWN eine ansprechende Leistung. Ihre eigentümliche Mischung aus Death Metal, Gothic und Dark Wave wurde geprägt durch schwere Riffs, schwebende Keyboardklänge und dem extremen Kontrast zwischen dem röchelnd-grunzenden Sänger und der klaren Stimme der Sängerin. Hauptproblem der Band: Bei einem Line-up bestehend aus zwei Vokalisten, zwei Gitarristen, zwei Keyboardern und einer zweiköpfigen Rhythmusgruppe fühlten sich DREAMS OF DAWN auf der Bonsai-Bühne des JUZ wie Pilze in einer Dose.

WET DESERT-Liveshot

Sehr viel sanfter wurde der Abend von WET DESERT fortgesetzt. Ihr Indie Rock mit Folk-Beigeschmack tendierte exakt in jene Richtung, die das Instrument und das Shirts des Gitarristen andeuteten: very british. WET DESERT lebten von den hervorragend miteinander harmonierenden Stimmen ihrer Sängerin und ihres Gitarristen. Als Besonderheit hatte die Kapelle einen Geiger in ihren Reihen (wenngleich dieser auf halber Strecke in den Vorruhestand geschickt wurde), und der Keyboarder bewaffnete sich teilweise mit einem Akordeon. Das bescherte einen abwechslungsreichen Sound, so daß WET DESERT bis zur groovig-funkigen Schlußnummer gute Resonanzen ernteten und zu einer Zugabe auf die Bühne gebeten wurden. Eine ruhige Ballade, für die der Drummer zum Sänger mutierte, setzte den Schlußpunkt unter einen überzeugenden Auftritt.

DIVINUS-Liveshot

Schwermetallisch und kraftvoll fand der erste Abend mit der Formation DIVINUS seinen Ausklang. Die Gruppe, die früher noch DEMENTIA hieß und sich erst kurz vor diesem Auftritt umbenannt hatte, legte mit einem atmosphärischen Keyboardintro los, um anschließend mit ihrem treibenden Power Metal das Publikum binnen Minuten auf ihre Seite zu ziehen. Handfeste Riffs gepaart mit den geheimnisvollen Keyboardklängen gaben der Musik von DIVINUS einen fesselnden Charakter. Zudem haben DIVINUS in Daniel Ott einen Sänger in ihren Reihen, der zu einem charismatischen Frontmann heranreifen kann. So erlebte das JUZ zu vorgerückter Stunde ein verschwitztes, begeistertes Publikum, das lautstark nach Zugaben forderte und diese prompt erhielt. Den endgültigen Schlußpunkt bildete die JUDAS PRIEST-Coverversion ›Nightcrawler‹, bei der spontan Patrick von BAD MEAN TONE auf die Bühne kam und DIVINUS unter die Arme griff.

SUGARBIRD-Liveshot

Die Eröffnung des zweiten Abends stand ganz unter dem Motto "Who the fuck is GREEN DAY, here is Green Hair!" Der Gitarrist von SUGARBIRD führte nämlich eine Frisur vor, die gefährlich nach einer Giftmülldeponie aussah. Da besagte Retro-Punkrock-Band die stilistische Leitlinie von SUGARBIRD bildete, brauchte man nicht lange auf die Coverversion des GREEN DAY-Hits ›Basket Case‹ zu warten, was mit ersten zaghaften Pogoversuchen belohnt wurde. Neben eigenen Songs, die genretypisch extrem kurz waren, bot das Quartett etliche Fremdkompositionen an (unter anderem von NIRVANA). Dabei wechselten sich die drei Saitenbändiger gesangsmäßig ab. Unterm Strich waren SUGARBIRD zwar wenig originell, brachten ihren Set jedoch mit viel Fun und Energie rüber. Zudem stellte man eine Marktneuheit vor: Die erste Gitarre der Welt, die sich böswillig binnen Sekunden verstimmte. Die permanent veranstalteten Tuningversuche wirkten wie die New Age-Variante von Don Quichottes Kampf gegen die Windmühlen.

REVELATION [D, Kaiserslautern]-Liveshot

Es folgte der Umstieg von grün zu schwarz. REVELATION, bestehend aus drei Amerikanern (lediglich die Gitarristin hat ein deutsches Elternteil), präsentierten die extremste Performance des Abends. Das begann damit, daß der Sänger die Anwesenden mit dem Inhalt einer Wasserflasche taufte (womit er keine Freunde hinzugewinnen konnte), ging bei den undurchdringlichen Nebelschwaden und Lichteffekten weiter und endete schließlich bei der Tatsache, daß die blonden Haare der Gitarristin der einzige helle Farbtupfen auf der Bühne waren. Der Industrial-Rock von REVELATION bedurfte nur einer Gitarre und eines Basses sowie permanenter Klangkonserven; dies verband man mit einem verzerrten, kreischenden Gesang, so daß der Sänger anschließend einen Kräuter-Fenchel-Tee schlürfen mußte. Leider wurde das Soundgebräu ein wenig kraftlos und monoton vorgetragen, und als alle Sounddaten von der Festplatte abgespult waren, beendeten REVELATION ihren Gig.

TINNITUS [D]-Liveshot

TINNITUS boten einen angenehmen Kontrast zur synthetischen Musik von REVELATION: Die Combo wußte mit handgemachter, lebendiger Folkrock-Mucke zu begeistern. Es war unschwer zu erkennen, daß hier eine eingespielte Band auf der Bühne stand, die darüberhinaus noch freihändig ihre Instrumente (darunter freilich auch eine Geige) wechselte. Es durften ebenso schöne Melodien und starke Rhythmen (oftmals mit harten Gitarren kombiniert) wie leise Töne bestaunt werden. Da das JUZ um diese Uhrzeit teils leergefegt war, nutzte man die Möglichkeit, um sich zum stillen Genießen auf dem Boden niederzulassen. Diese extrem relaxte Stimmung unterstrich den musikalischen Höhepunkt des zweiten Abends.

DIE LETZTEN HELDEN-Liveshot

Der dritte und somit letzte Konzerttag sorgte bei einem Blick auf die Bühne gleich für verdutzte Mienen: Statt des gewohnten Bandequipments, bestehend aus Drumset, Klampfe und Co., fand man dort PC, DJ-Pult und ein Sofa - wahrscheinlich aus der heimischen Wohnzimmereinrichtung ausgeborgt. Dazu kamen fünf junge Leute, im Kollektiv als DIE LETZTEN HELDEN angekündigt. Mit weisen Phrasen wie "Oh yeah" und typischen Gesten aus der Hip-Hopper-Ecke gingen die Helden zuwerke und wußten mit Textpassagen wie "Unser Anfang, Euer Ende - wir sind gut und Ihr seid scheiße!" ihre zahlreich erschienenen Fans zu begeistern. Die gesampleten Drumbeats entlockte Florian Jodl, Ex-Drummer der Lauterer Metal-Formation SPICEHEAD, seinem Computer, während DJ π (nach dem griechischen Buchstaben benannt), den Hip Hop-üblichen Scratch-Sound produzierte. Nach ›Zu viele falsche Fotzen‹, mit dem man heftigst Kritik am Chart-Hip-Hop übte, ging dann auf einmal der Stoff aus, und man ging zur Freestyle-Improvisation über. Zum großen Finale holte man einen Großteil der Clique zum Mitmachen auf die Bühne, wobei Gassenhauer wie "Humpa, humpa, täterä" neu aufgelegt wurden.

CENTARON-Liveshot

Nach der langwierigen Entfernung sämtlicher Hip Hop-Utensilien und der daher länger ausgefallenen Umbaupause ging das professionell anmutende Quintett CENTARON auf die Bühne, das seine Musik selbst als "Mischung aus Power Metal und progressivem Grunge" bezeichnet. Die Band existiert schon seit mehreren Jahren, jedoch ist aus der Urbesetzung nur der Gitarrist übriggeblieben. Die Songs waren teilweise mit komplexen Songstrukturen versehen, die mit einem fetten Sound versehen mal schnell, mal eher balladesk dargeboten wurden. Musikalisch gab es nichts auszusetzen, denn jedes Bandmitglied beherrschte sein Instrument perfekt, und so blieb auch genügend Freiraum für etwas Bewegung auf der Bühne.

OUT OF CONSCIENCE-Liveshot

Den Abwechslungsreichtum des Tages machten schließlich OUT OF CONSCIENCE aus Ramstein perfekt. Ihre interessante Mixtur aus melodischem Punkrock und Independent wurde von Sängerin Tanja Malinowski überzeugend 'rübergebracht, die zudem mit ihrem T-Shirt den Sonderpreis für das kultigste Stageoutfit verdient gehabt hätte (siehe Photodokument!) Trotz leichter Timingprobleme boten OUT OF CONSCIENCE eine solide Vorstellung und vermochten durch ihre eigenwillige Interpretation von Madonnas ›Like A Prayer‹ das Publikum zum Mitsingen zu animieren.
Eine halbe Stunde später wurde das mit Spannung erwartete Endresultat verkündet. Bei ihrem Urteil berücksichtigten die drei Juroren (je ein Vertreter der Musikschule, der Rheinpfalz und des Südwestfunks) nicht nur die technischen und songschreiberischen Fähigkeiten der Musiker, sondern auch inwiefern es ihnen gelungen war, das Publikum mitzureißen. Ebenso wurde des Lebensalter der Musiker sowie der Bands in Betracht gezogen. Auf den Plätzen zwei und drei qualifizierten sich WET DESERT und TINNITUS, den Sieg trugen hingegen DIVINUS unter lautem Jubel davon. Ein weiterer Gewinner des Wettbewerbes war sicherlich die Lauterer Lokalszene, die sich kreativ, energiegeladen und facettenreich präsentiert hatte. Um den Nachwuchs aus K-Town braucht man sich wahrlich keine Sorgen zu machen!


Stefan Glas + am dritten Tag mit Unterstützung von Miriam Nabinger

Photos: Stefan Glas


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