UNDERGROUND EMPIRE the ONLINE EMPIRE-Titel
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”Y-Files”-Datasheet

Contents:  CHARACTER (US, OH)-Interview

Date:  04.10.1995 (created), 04.05.2022 (revisited), 04.05.2022 (updated)

Origin:  post-UNDERGROUND EMPIRE 7

Status:  unreleased

Reason:  medium missing

Task:  revitalize

Comment:

Mittlerweile ist UNDERGROUND EMPIRE 7 komplett online, so daß wir uns nun den Beiträgen zuwenden, die bereits für die Nachfolgeausgabe entstanden waren. Da diese nie erscheinen sollte, blieben diese Texte bislang unveröffentlicht; lediglich einige wurden für die frühen Online-Ausgaben verwendet. Daß aber wir auch nach UNDERGROUND EMPIRE 7 fleißig waren, zeigen diese Artikel, die nun auf diesem Weg veröffentlicht werden; darunter befinden sich allerdings auch einige Fragmente, die in ihrem unvollständigen Zustand wiederbelebt werden, um einen möglichst genauen Eindruck davon zu vermitteln, wie UNDERGROUND EMPIRE 8 hätte aussehen sollen.

 


 

Dies war eines der Interview, die bereits für UNDERGROUND EMPIRE 8 komplett fertig waren. Um so besser, daß es jetzt mit leichter Verspätung doch noch das Licht der Welt erblickt.

Für das Layout haben wir ein Logodesign genutzt, das die Band mehrfach verwendet hatte. Außerdem gibt es zwei Photos mit unterschiedlichen Besetzungen. Nummer 1 zeigt von links nach rechts Brian Hurst (d), "Gypsy" Lee Foster (v), Chris Dunnett (g) und den neuen Bassist Scott, der Curt Hanks abgelöst hatte, der noch auf dem 1992er Demo zu hören und bei unserem "Upcoming Internationals"-Artikel zu sehen war. Nummer 2 zeigt die Nachfolgebesetzung mit Chris, Brian, dem neuen Sänger Don Fields sowie dem zurückgekehrten Curt (von oben links im Uhrzeigersinn).

Leider sind all' die hoffnungsvollen Andeutungen nicht wahrgeworden: Nach einem weiteren, schwächeren Demo namens »Checkmate« war die Band leider wirklich schachmatt.

Supervisor:  Stefan Glas

 
 

CHARACTER (US, OH)-Logo

Schon geschlagene vier Jahre dauert die Funkstille bei CHARACTER, die im letzten Heft einen der raren Plätze im "Upcoming Internationals" ergattert hatten. No wonder, denn ihr Demo von 1992 euphorisierte mit brillianten Melodien, eingängigen Hooks und dem unübersehbaren goldenen Näschen für herausragende Songs. So war es für CHARACTER nicht schwierig, sich als heißesten Newcomer auf dem Sektor des Melodic Metal auszuweisen. Da aber seit besagtem Demo keine neuen Releases zu verzeichnen waren, die Proberaumaufnahmen der neuen Stücke, die uns vorlagen, das gewohnte Kaliber besaßen, hörten wir bei CHARACTER-Gitarrist Chris Dunnett nach, um mehr über den Charakter von CHARACTER zu erfahren.

Ich beschreibe den Charakter von CHARACTER stets als melodischen Hard Rock, der Kick und Drive besitzt, über catchy Hooks verfügt, aber auf keinen Fall wimpy klingt. Ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen, aber habe natürlich wie eigentlich jedes Kind jede Menge Cartoons geschaut. Eben diese "Loony Tunes"-Melodien haben sich bei mir festgesetzt, und in ähnlicher Weise sollen auch unsere Songs hängenbleiben. Ich schreibe mit viel Melodie und bemühe mich um den nötigen Tiefgang. Den Namen haben Jim Russell, mit dem ich damals CHARACTER gegründet hatte, und ich auf dem Rückenetikett einer Whiskyflasche entdeckt. Einen Whisky, den ich mittlerweile nicht mehr sehen kann: Jack Daniels. Wir wollten einen Namen, der sozusagen Charakter hat, und das Wort "Character" hat sofort geklickt. Also schliefen wir darüber, und als am nächsten Morgen das Klicken immer noch da war, hießen wir CHARACTER! Damals waren CHARACTER nur ein Studioprojekt, denn wir hatten nie live gespielt. Während wir das Demo von 1989 aufnahmen, löste sich die Band auf. Also habe ich die restlichen Aufnahmen finanziert, weil ich an das Material glaubte. Als das Demo veröffentlicht wurde, gab es jedoch die Band CHARACTER überhaupt nicht. CHARACTER pausierten daraufhin einige Jahre, und ich spielte in der Band SEVENTH SEAL mit. Irgendwann hatte ich das Gefühl, daß ich mit CHARACTER einen Neustart wagen sollte, und sobald ich die richtigen Leute gefunden hatte, stieg ich bei SEVENTH SEAL aus und CHARACTER waren wiedergeboren. Ansonsten wäre noch zu erwähnen, daß sich unser Line-up geändert hat, weil unser Basser Curt Hanks und unser Sänger Lee Faster aus Ohio weggezogen sind und beide heute einige hundert Meilen von hier entfernt wohnen. Unsere neuen Leute sind Derek Hughes am Baß und Dan Arman als Sänger, die beide eine Menge zur Weiterentwicklung von CHARACTER beigetragen haben. Besonders Dan hat sich sehr gut bewährt. Sein Gesangsstil ist dem von Lee sehr ähnlich, jedoch hat seine Stimme einen wärmeren Klangcharakter, so daß mittlerweile unsere Backingvocals noch besser harmonieren. Außerdem ist Dan ein weitaus besserer Gitarrist als Lee es war, so daß wir heute auch live verstärkt Harmoniegitarren einsetzen können. Somit sind Brian Hurst und ich die einzig verbliebenen Gründungsmitglieder der zweiten Episode von CHARACTER.

CHARACTER (US, OH)-Headline

Schildere bitte die Entwicklung Eurer Musik zwischen dem Demo von 1989 und dem 1992er Tape.

Ich denke, daß sich mein Songwriting während der Zeit, in der ich bei SEVENTH SEAL spielte, verbessert hatte, so daß das neue Songmaterial differenzierter und feiner ausfiel. Zudem war im ersten CHARACTER-Line-up nur ich vertreten, während alle anderen Musiker ausgetauscht wurden. ›Child Of A Lesser God‹ spielen wir heute noch bei unseren Konzerten und ›Danger For Love‹ haben wir erst vor kurzem aus dem Programm genommen; ›Run For Success‹ (ein Hammersong mit einem magischen Refrain! - Red.) spielen wir stets bei unseren Akustiksets.

Ihr habt in der Zwischenzeit einige neue Songs eingespielt, die allerdings nicht als Demotape erhältlich sind. Ich habe den Eindruck, daß die neuen Stücke noch eingängiger ausgefallen sind.

Danke, für diese Aussage, denn wie ich gerade eben schon gesagt habe, bemühen wir uns gerade darum, die Songs so melodisch und catchy wie möglich zu gestalten. Ich mag Lieder mit Drive und starken Hooks, an die der Hörer sich sofort erinnern kann. Musik bedeutet für mich Melodie, und ich frage mich bei jedem neuen Stück, "Hey, könntest du dir das als Fahrstuhlbeschallung vorstellen?" oder "Würde dieser Song auch gut klingen, wenn man ihn nur mit Akustikgitarre und Gesang interpretieren würde?" All die Zusätze wie Keyboards oder Gitarrenoverdubs bis hin zu den Soli und der Rhythmusgruppe sind nur weitere Hilfsmittel. Für mich ist es wichtig, daß die Melodie an sich bestehen kann. Alles andere kann dann den Reiz der Melodielinie verstärken und unterstützen. Wenn die Melodie jedoch nichts taugt, werden auch alle anderen Zusätze verpuffen.

Stevie Blaze von den mittlerweile leider aufgelösten LILIAN AXE hat Euer 1992er Demo produziert und einige Backgroundvocals eingesungen. Wie kam es dazu und - dezente Frage am Rande - weißt Du, was die ehemaligen LILIAN AXE-Musiker mittlerweile treiben?

Stevie und ich sind schon seit einigen Jahren befreundet. Wir trafen uns mehrmals bei ihren Liveauftritten. Damals arbeitete ich in einem Plattenladen in dem Staat, in dem Stevie mit seiner Freundin lebte, und wir stellten fest, daß wir nur etwa eine Autostunde voneinander entfernt lebten. Wir hielten Kontakt per Telefon, und ich ließ ihm immer wieder neue Tapes von uns zukommen. Er mochte das Zeug, was für mich natürlich eine tolle Sache war, weil ich schon immer von seiner Musik begeistert gewesen war, und er mich stark beeinflußt hatte. Stevie wurde also sozusagen zu meinem Mentor. Als wir unser 1992er Demo aufnahmen, hatte er gerade etwas Freizeit, und so produzierte er den Gesang sowie ›I Am Willing To Do‹ komplett und sang zudem einige Backings ein. Er hat sehr viel zu dem Endresultat beigetragen! Wir haben neulich bei ihm zu Hause die Rhythmusspuren unserer drei neuen Songs ›I Know I Can Make It‹, ›Better Off‹ und ›Poppy Thing In G‹ auf seinem 8-Spur-Gerät aufgenommen. Wir haben uns schon immer gegenseitig ausgeholfen. Ich hatte ihm geholfen, sein Homestudio zusammenzustellen, und er dankte mir dann auf dem letzten LILIAN AXE-Album, was echt cool war, oder hat uns eben produktionstechnisch unter die Arme gegriffen. Stevie ist zur Zeit auf Achse, um alle möglichen Aktionen anzukurbeln. Ich kann ohnehin nicht verbindlich sagen, ob LILIAN AXE sich wirklich endgültig aufgelöst haben, aber Stevie hat die anderen Musiker wissen lassen, daß er vorerst seine Aktivitäten bei LILIAN AXE einstellen, zugunsten eines neuen Projekts zusammen mit seinem Bruder, der der Drummer von CROWBAR ist. Möglicherweise wird Darren, der LILIAN AXE-Basser, auch an diesem Projekt mitwirken. Auf jeden Fall ist Stevie gerade dabei, neue Songs aufzunehmen, obwohl das Projekt noch keinen Deal hat.

CHARACTER (US, OH)-Bandphoto 1

Nicht erst seit Eurem neuen Instrumentalsong ›Poppy Thing In G‹ ist es deutlich geworden, daß bei CHARACTER klassische Einflüsse eine Rolle spielen.

Ja, wie ich bereits erwähnte, bin ich mit klassischer Musik aufgewachsen. Aber die Klassik konnte ich erst richtig bei meinem Gitarrenspiel verwerten, als ich schon einige Jahre Gitarre spielte; spätestens seit ich Randy Rhoads gehört und meine Begeisterung für Bach entdeckt hatte! Es ist aber nicht ausschließlich die Melodieführung in der klassischen Musik, die mich beeinflußt hat, sondern auch die Orchestrierung und das Arrangement klassischer Stücke. Ich war immer davon fasziniert, daß so viele unterschiedliche Instrumente ganz verschiedene Parts spielen und dennoch zusammenarbeiten. Genau dies will ich auch in den Songs von CHARACTER verwirklichen.

Wie bewältigt Ihr die Gratwanderung, Songs zu schreiben, die Airplay-fähig sind, aber dennoch nicht wie schlaffe Langweiler klingen?

Ich selbst beobachte immer wieder Bands im Radio, die wimpy klingen und nehme sie mir als abschreckendes Beispiel. Wir pushen uns immer so lange, bis ein Song eingängig ist, aber trotz allem Energie besitzt. Es gibt dafür keine Formel oder keine bestimmte Methode, aber wenn man sich lange genug bemüht, wird man einen Weg finden, seine Songs so zu gestalten. Ich halte es zudem für sehr wichtig, daß sowohl die einzelnen Musiker als auch die Band zusammen tight und energiegeladen spielt.

Ein Schwachpunkt sind Eure Texte, die sich meist in der Beschreibung von Begattungsvorbereitungen erschöpfen, was sicher nicht nur ich für langweilig und altbekannt halte.

Vieles wurde gewiß schon in ähnlicher Weise gesagt und getan. Deshalb probieren wir, keine Lovesongs zu schreiben, und die wenigen, die wir haben, waren nie geplant, sondern haben sich einfach so ergeben. Ich neige dazu, über das zu schreiben, was ich fühle, und diese Texte beziehen sich auf persönliche Erfahrungen. Ja, diese Kiste ist ziemlich alt, aber ich hoffe, daß wir unsere Liebestexte ein wenig anders und cleverer als andere Bands gestalten. Außerdem sei gesagt, daß die neuen Stücke keine Liebestexte mehr haben. Wir haben jedoch auch bei diesen Texten darauf geachtet, daß der Durchschnittshörer sofort einen Bezug dazu finden kann. Man sollte auf keinen Fall ein zehnjähriges College-Studium benötigen, um einen CHARACTER-Text zu verstehen. Ein viel wichtigerer Punkt, über den wir schreiben, ist der Glaube an sich selbst, den wir in ›Run For Success‹, ›Best Is Yet To Come‹ und ›I Know I Can Make It‹ beschwören. Genau das ist meine Lebensphilosophie! Wenn Du nur an Dich selbst glaubst, dann wirst Du es eines Tages auch packen!

Eigentlich ist Euer Stil heuer total out. Dennoch seid Ihr ihm über die Jahre hinweg treugeblieben!

Ich habe schon immer an Dingen festgehalten, an die ich fest geglaubt habe. Früher gab es eine Menge Bands, die ähnlich wie wir geklungen hatten und es nie geschafft hatten. Einige von ihnen haben sich verändert und sind damit zum Erfolg gekommen, so daß es für sie vermutlich die beste Entscheidung war. Aber andere haben es mit der neuen Strategie nicht geschafft und probieren erneut, sich zu verändern. Was ich damit sagen will, ist folgendes: Die Trends wechseln im Musikbusiness nahezu täglich, und wir werden ihnen nicht hinterherrennen, weil wir dann unehrlich zu uns und unseren Hörern wären und nie zu unserem wahren Charakter finden würden. Wenn die Sache nicht hinhaut, kann ich mich zumindest Frank Sinatra anschließen und "I did it my way" singen.

Gab es eigentlich Interesse seitens der Plattenfirmen?

Wie ich bereits sagte, machen wir unsere Musik, weil wir Spaß daran haben. Die meisten Plattenfirmen signen trendorientiert und haben folglich derzeit kein Interesse an uns. Wir werden jedoch bei unserem Metier bleiben und sind davon überzeugt, daß eines Tages eine Firma auf uns aufmerksam wird, weil sie sehen, daß es eine Menge Leute gibt, die allen Trends zum Trotz unsere Musik dennoch mögen.

Hättest Du Euch bessere Chancen zugestanden, wenn Ihr mit Eurem heutigen Material in den Mittachtzigern am Start gewesen wäret?

Ich glaube schon. Andererseits hatten wir auch unser 1989er Demo den Labels angeboten und waren damals zu hart. Heute dagegen scheinen wir zu melodisch zu sein. Aber wir haben eine Kombination aus Heavyness und Melodie, die unseren Sound interessant macht, und ich denke, es gibt immer noch genügend Leute, die open-minded genug sind, um sich mit uns zu beschäftigen. Ich finde es schade, wenn man versucht, Musik in Zeitschemen zu pressen. Ist die Musik von Mozart out, weil sie im 18. Jahrhundert geschrieben wurde? Gute Musik ist und bleibt gute Musik! Der Sound einer Zeit wird viel mehr durch die technischen Möglichkeiten, durch die Produktionstechnik bestimmt. Sollte ich mich dabei täuschen, wie ließe es sich erklären, daß heute ein Song, der vor 20 Jahren ein Hit war, neu aufgenommen wird und trotzdem wie früher klingt, nur eben in einem aktuellen Soundgewand. Ich bin davon überzeugt, daß es nicht so sehr die Musik, sondern die Produktion und der Song ist, die einen Song einer bestimmten Zeitära zuordnet.

CHARACTER (US, OH)-Bandphoto 2

Was denkst Du persönlich über die aktuelle Musikszene?

Es gibt ein paar Bands, die ich okay finde, aber mit den meisten kann ich nichts anfangen. Ich stehe einfach nicht auf diesen grungy Alternative-Stoff. Andererseits war das HOLE-Album »Live Through This« meine Lieblingsplatte vom letzten Jahr, und ich mag zum Beispiel die STONE TEMPLE PILOTS. Mir gefallen diese beiden Bands, weil sie gute Melodien haben. Bei den meisten aktuellen Bands habe ich eher den Eindruck, daß es ihnen mehr darum geht, einen bestimmten Soundtypus statt Melodien zu kreieren, und ich stehe nun mal auf gute Melodien. Es sind einfach unterschiedliche Auffassungen über Musik, und ich möchte deswegen keine dieser Bands herunterziehen. Für mich ist der Sound zweitrangig. Eine gute Melodie ist und bleibt eine gute Melodie, ganz gleich wie der Sound ausfällt. Eine neue Band, die mir wahnsinnig gut gefällt, nennt sich ROYAL HUNT. Ich vermute, daß Du die Band nicht kennst (Nööö, noch nie davon gehört... - Red.), aber sie klingen in etwa wie eine Mischung aus DREAM THEATER und EUROPE. Diese Jungs haben echt einzigartige Melodien!

Was sollte man über neue Songs und anstehende Aufnahmen im Hause CHARACTER wissen?

Wir haben eine Menge neues Material und haben einen Teil davon schon aufgenommen. Leider ist mein Aufnahmegerät zu Bruch gegangen, so daß wir momentan nichts mehr aufnehmen und die begonnenen Tracks nicht mixen können. Aber wir sind gerade dabei, unser eigenes Studio aufzubauen, so daß wir in Zukunft jederzeit aufnehmen können, wann wir wollen und nicht um einen Termin in einem Studio ringen müssen. Wir können es kaum erwarten, endlich loszulegen! Wir wollen auf jeden Fall ein komplettes Album aufnehmen. Wir werden dazu vermutlich nochmal einen Teil der Songs vom 1989er und 1992er Demo verwenden, jedoch die Songs von Dan nochmal neu einsingen lassen. Ebenso werden wir gewiß einige Stücke vom aktuellen Demo verwenden, aber die Tracklist steht noch in keinster Weise fest, allein schon, weil wir viele neue Songs haben, die noch nicht endgültig stehen. Wir machen uns keinen Streß bezüglich eines Deals. Auch ein Plattenvertrag hat zwei Seiten. Er bringt sicher den Vorteil, daß man dadurch einen Vertrieb hat, aber ein Deal gibt Dir auch keine Garantie, daß Du auch wirklich eine gute Promotion bekommst, und Promotion ist einfach das A und O in diesem Business. Andererseits ist es zur Zeit ohnehin sinnlos, großartig Gedanken an eine amerikanische Plattenfirma zu verschwenden, denn es reicht schon, unsere Musik zu beschreiben, daß der A&R-Mann am anderen Ende der Leitung gleich wieder auflegt. Dementsprechend halten wir derzeit eher in Europa und Japan Ausschau, wo man gute Musik noch zu schätzen weiß. In Amerika heißt es nur "fast food, fast dollar, fast music." Das ist echt eine Schande! Für uns ist ein Deal kein Muß, denn wir wissen, daß wir es auch auf eigene Faust schaffen können. Wenn uns jedoch den richtige Deal vorliegt, werden wir gewiß zugreifen. Wir hoffen, daß wir das Album mit Stevie Blaze aufnehmen können, denn schon beim Demo hatten wir super kooperiert, und ich denke, daß besonders ›I Am Willing To Do‹ ohne seine Mitarbeit nicht so gut klingen würde. Zudem ergänzen wir uns gegenseitig recht gut, denn er kann den Gesang meisterlich produzieren, während dies der einzige Punkt war, mit dem ich nie hundertprozentig zurechtgekommen bin.

Wie sieht eigentlich die Musikszene in Ohio aus? Es gab da zwar Namen wie BREAKER, aber im Großen und Ganzen war es um Ohio doch immer eher ruhig.

Wie es um die Szene von Ohio bestellt ist? Ungefähr so wie um Wasser in Arabien. Verdammt trocken! Es haben zwar gerade ein paar der hiesigen Bands einen Deal bekommen, die jedoch in die Alternative-Ecke gehören. Die einzige erfolgreiche Band aus Ohio, die uns stilistisch nahekommt, waren LETHAL, mit deren Drummer ich übrigens vor vielen Jahren in einer Band gespielt habe. Nein, es gibt nahezu keine Szene hier. Es wird immer schwerer, Liveauftritte zu kriegen. Der einzige positive Aspekt besteht darin, daß die Clubbesitzer origineller Musik gegenüber aufgeschlossener werden und sie auch mal Nicht-Coverbands eine Chance geben. Wollen wir also zufrieden sein, denn es könnte noch schlimmer sein!

Durch Euer Logo windet sich eine Rose. Ein Hinweis darauf, daß Ihr verkappte Kinder der Flower Power-Generation seid?

Oh nein, die Rose soll eher ein Symbol für Klasse sein. Eine Rose kann viele Dinge verkörpern. Von Liebe über Freundschaft bis hin zum Tod. Es hängt nur von ihrer Färbung ab, was mich an dieser Blume immer fasziniert hat. Außerdem ist eine Rose für mich ein Symbol von Balance. Sie hat zum einen die wunderschönen Blütenblätter, aber zugleich die stacheligen Dornen. Darin sehe ich eine Metapher für das Leben. Viele Menschen sehen nur die schlechten Seiten im Leben. Wenn sie jedoch eine Rose betrachten, nehmen sie hauptsächlich die Schönheit der Blütenblätter wahr und nicht so sehr die Dornen. Die Rose präsentiert beide Elemente, jedoch neigt man stets dazu, die schöne Seite zu betrachten. Auch ich versuche, im Leben stets die positiven Seiten zu sehen und mich von den schlechten Dingen nicht unterkriegen zu lassen.

In Deinen Texten kommt immer wieder der Glaube an den Erfolg zum Ausdruck. Ein Selbstbeschwörungsritual?

Ich glaube, das rührt daher, daß die Gruppe TRIUMPH für mich einen sehr großen Einfluß darstellt, und bei ihnen taucht dieses Thema sehr oft auf. Weißt Du, ich war damals auf der Highschool, und es war jene Zeit, in der alles in Frage gestellt wird. Meine Eltern kritisierten den Weg, den ich mit der Musik eingeschlagen hatte, Schulkameraden hielten mich für verrückt, und die Musik von TRIUMPH hat mir geholfen, durch diese Zeit hindurchzukommen, indem sie mir in ihren Songs immer wieder verdeutlichten, daß ich auf mich selbst vertrauen und meinen Weg gehen solle, daß ich die Kraft habe, es zu packen (Ich sage nur ›Magic Power‹, einer der definitiven Klassiker der Rockgeschichte! - Red.) So lag dieses Thema für mich natürlich sehr nahe, und zudem hoffe ich, daß ich mit meinen Liedern vielleicht auch jemand helfen kann, eine schwere Lebensphase zu bestehen. Ich beziehe mich dabei jedoch nicht auf den kommerziellen Erfolg, darauf, daß man einen möglichst hohen Dollarberg scheffeln sollte. Jeder sollte herausfinden, was Erfolg für ihn persönlich bedeutet. Ganz gleich, ob jemand ein Fußballspieler oder ein Korbflechter werden will. Ich will die Leute dazu anspornen, das Beste aus dem herauszuholen, was sie tun, sich stets zu verbessern und ihre Träume nie aus den Augen zu verlieren. Für uns hat es sicher die Komponente, daß wir es uns immer wieder vor Augen führen wollen, daß wir es packen können. Es passiert so viel Scheiß' auf dieser Welt, daß man irgendwann eine negative, pessimistische Person wird, wenn man sich nicht immer wieder bewußt macht, daß es auch viele positive Aspekte gibt. Das mag nicht allgemeingültig sein, aber die Wahrscheinlichkeit wächst, daß man seine Tage eher optimistisch angeht, wenn man unter dem Einfluß eines positiven Denkens steht. Ich könnte jetzt beispielsweise Deutsch lernen und würde sicherlich irgendwann die Sprache verstehen. Würde ich jedoch in Deutschland leben und die deutsche Sprache wäre ständig um mich herum, dann würde ich die Sprache logischerweise viel schneller lernen und flüssiger damit umgehen können.

Okay, Chris, "will you always hold on to your dreams and never let them go", und glaubst Du, daß "the best is yet to come"?

Jeder Mensch träumt, wenn er schläft, und wenn man nicht träumt, wird man sterben. Hätte ich keinen Traum für meine Zukunft, warum sollte ich dann weiterexistieren? Gäbe es nichts mehr zu erreichen, könnte ich meine Seele zur Ruhe betten! Ja, ich werde an meinen Träumen festhalten, die sich jedoch verändern werden. Als ich jung war, ging es mir darum, ein Rockstar zu werden. Heute sehe ich alles realistischer, und mein Traum ist es, von der Musik leben zu können und möglichst viele Leute zu erreichen, die ihre Freude daran haben. Ich weiß, daß das Beste noch vor mir liegt, und ich freue mich auf den magischen Moment, an dem ich meinen Höhepunkt erreichen werde!

Ein Moment, an dem jeder teilhaben sollte! Bedenkt man, welche Qualitäten CHARACTER schon heute zu bieten haben, so kann man nur spekulieren, wie CHARACTER an diesen fiktiven Punkt irgendwo in der Zukunft brillieren werden. Daher bietet es sich an, den Weg von CHARACTER genauestens zu verfolgen und ihn zugleich mit Musik von der Band beschallen zu lassen. Wendet Euch zu diesem Zwecke an die Band und ordert ihre Demos:

Vorbereitung, Interview & Bearbeitung:
Stefan Glas

P.S.: Chris ist ein totaler Liebhaber von Burgen und alten Gemäuern. Wenn Ihr also ein paar Postkarten mit solchen Motiven übrig habt, werdet Ihr in Chris einen dankbaren Abnehmer finden.

 

CHARACTER (US, OH) im Überblick:
CHARACTER (US, OH) – UNDERGROUND EMPIRE 7-"Upcoming Internationals"-Artikel
CHARACTER (US, OH) – Y-FILES »UE«-Interview
CHARACTER (US, OH) – Y-FILES »UE«-Special
CHARACTER (US, OH) – News vom 25.11.2008
Playlist: CHARACTER (US, OH)-Album »Demo '92« in "Cavelist Metal Hammer 10/92" auf Platz 4 von Stefan Glas
andere Projekte des beteiligten Musikers Chris Dunnett:
BLOOD SEAL – Silence In Heaven (Do It Yourself-Review von 2009)
BLOOD SEAL – News vom 25.11.2008
Chris Dunnett – El Samuraichi (Do It Yourself-Review von 2009)
Chris Dunnett – News vom 25.11.2008
SALEM (US, OH) – News vom 25.11.2008
andere Projekte des beteiligten Musikers Curt Hanks:
TEACHER'S PETT – News vom 21.02.2009
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