UNDERGROUND EMPIRE the ONLINE EMPIRE-Titel
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”UNDERGROUND EMPIRE 6”-Datasheet

Contents:  DEPRESSIVE AGE-Interview

Date:  13.03.1992 (created), 16.01.2011 (revisited), 22.01.2022 (updated)

Origin:  UNDERGROUND EMPIRE 6

Status:  published

Task:  from paper to screen

Availability:  original printed issue still available, order here!

Comment:

Wenn Euch manche Stellen in diesem Interview bekannt vorkommen, dann habt Ihr bestimmt schon mein DEPRESSIVE AGE-Interview aus dem METAL HAMMER begutachtet, das vor einigen Tagen seinen Weg auf diese Seite gefunden hat. Hierbei handelt es sich nämlich um die Komplettversion des Talks mit Jochen Klemp, für den ich im METAL HAMMER nur Auszüge benutzen konnte.

DEPRESSIVE AGE hatten zu Demozeiten nur einen sehr schlichten Schriftzug benutzt, den ich dann fürs UNDERGROUND EMPIRE nachempfunden hatte, indem ich einen ähnlichen Schrifttypus eine Outline und eine labyrinthartige Musterfüllung verpaßte. Da das Original dieses Designs nicht mehr existiert, mußte es heuer aus dem gedruckten Heft abgescannt werden, doch es wurde nicht weiter verändert - sieht auch in dieser schlichten Form ganz schmuck aus, oder? Auch die Farbe stammt aus dem Heft, denn auf dieser Seite hatten wir mit einer roten Zusatzfarbe gearbeitet: So trudelte nämlich während des Fertigungsprozesses dieser Ausgabe die Platte ein, auf der man dann das neue Logo erspähen konnte. Selbiges wurde dann zusammen mit dem Frontcoverdesign des Foetus, der sich selbst eine Knarre in den Mund steckt, in einem dezenten roten Raster unter den Text gelegt.

Für die Onlineversion habe ich noch zwei Livephotos dazugefügt, die einige Zeit später bei einem Konzert in Offenbach entstanden: DEPRESSIVE AGE waren nämlich als Opener auf der damaligen SODOM-Tour dabei - nicht unbedingt das perfekt harmonierende Package, aber anyway...

Supervisor:  Stefan Glas

 
 

DEPRESSIVE AGE-Logo

Es war jener Freitag, der Dreizehnte im März des Jahres 1992 A.D., und es schien irgendwie der prädestinierte Tag für ein DEPRESSIVE AGE-Interview zu sein. Nachdem ich gerade mit Jason einen Drink genommen hatte (Bluuuuuutorangendrink von MMMMMMMÜÜÜÜLLER! - Red.), wechselte ich über zum Telefon, wo Jochen (Klemp, Gitarrist von DEPRESSIVE AGE, und nicht Jasons kleiner Bruder! - Red.) in Berlin schon in den Startlöchern saß, um mir mehr über das Zeitalter der Depression zu erzählen.

Die Band wurde 1985 in Ost-Berlin unter dem Namen BLACKOUT gegründet. Wir sind bis Ende 1987 dort auch aufgetreten und haben zwei Demos, »Kamikaze« und »Oracle Of Death«, aufgenommen. Bis Ende 1988 sind wir dann alle legal mit Ausreiseantrag ausgereist, während Jan einen Fluchtversuch unternahm, der scheiterte. Er wurde dann nach einem Jahr Knast in den Westen abgeschoben. Wir haben uns Anfang 1989 in West-Berlin wieder zusammengefunden und in DEPRESSIVE AGE umbenannt. Als Band im Osten hat man damals praktisch nur Coverversionen gespielt, weil man dort keine internationalen Bands sehen konnte. Dadurch suchte man in den einheimischen Bands einen Ersatz und wollte bekannte Titel hören. So war es für eine Band sehr schwer, eigenes Material an den Mann zu bringen. Wir hatten ein paar eigene Titel, die wir auch ins Liveprogamm einbauten, aber es war doch in bescheidenem Umfang.

DEPRESSIVE AGE-Bandphoto 1

Wie habt Ihr eigentlich den Fall der Mauer erlebt? Ich denke, für Euch, die Ihr schon vorher die innerdeutsche Grenze überschritten hattet, war das nochmal ganz anders als für die Leute, die zu diesem Zeitpunkt entweder im Osten oder im Westen lebten.

Ja, so riesig haben wir uns noch nicht mal gefreut, denn als wir rüberkamen, hatten wir mit dem Leben im Osten abgeschlossen. Wir dachten, daß wir nie wieder dort hinkämen und haben ein ganz neues Leben im Westen angefangen. Plötzlich war dann die Mauer weg, und es war schon ein seltsames Gefühl. Es hat viele Vorteile gebracht, daß man beispielsweise plötzlich seine Eltern wiedersehen konnte, aber auch viele Nachteile, denn die Atmosphäre in der Stadt wurde plötzlich viel hektischer.

Wie würdest Du Dir, der Du ja auch mal im Osten gelebt hast, den wachsenden Rechtsradikalismus oder aber auch teilweise die Ungeduld der Menschen, die nicht schnell genug den westlichen Standard erhalten können, erklären?

Auf der einen Seite ist es verständlich, daß die Leute den gleichen Standard haben wollen, und es ist schwierig für sie einzusehen, daß es nicht so schnell gehen kann. Natürlich gibt es viele, die sich gegenüber früher rein finanziell oder materialistisch verschlechtert haben, die Erklärungen dafür suchen und sie beispielsweise in den Ausländern finden, was natürlich totaler Schwachsinn ist, aber eben so diesen Rechtsradikalismus fördert. Viele Leute, wollen so ihre Wut und ihren Frust loswerden.

Also gewissermaßen als Ventilfunktion. Ich denke allerdings, daß dieses Phänomen, daß es einigen derzeit schlechter geht als zuvor, auch nur vorübergehend ist.

Das denke ich auch! Es ist ganz klar, daß es einige Jahre dauern wird. Das sagt sich allerdings leicht, denn wenn Du siehst, wie die Leute teilweise leben müssen. Hier in Berlin geht das ja noch, aber wenn man sich mal die ehemaligen Industriegebiete, beispielsweise um Leipzig anschaut...

Da existiert eben das Problem, daß man 40 Jahre Mißwirtschaft nicht in vier Monaten sanieren kann!

Das ist richtig, aber mach' das mal den Leuten klar! Zumal sie sehr viele Versprechungen gemacht kriegten.

Das ist absolut richtig, daß sich da gewisse Politiker sehr geschickt drangestellt haben! Aber bevor unser Gespräch in eine politische Diskussion ausufert, kommen wir doch mal zu einem ganz anderen Thema, zu Eurer Umbenennung. Euer Bandname ist einfach Programm, er paßt zur Musik wie die Faust aufs Auge! Hattet Ihr damals schon im Hinterkopf, daß Ihr solche Musik machen wollt, als Ihr den Namen DEPRESSIVE AGE gewählt habt?

Das war reiner Zufall. Wir hatten damals gerade mal zwei, drei eigene Songs, als wir uns einen Bandnamen überlegten. Wir hatten mehrere Namen zur Auswahl und entschieden uns für DEPRESSIVE AGE, vielleicht auch, weil er etwas zu den damaligen Texten paßte. Erst später merkten wir dann, daß alles eine Einheit bildet. Es war für uns eine ganz neue Situation, plötzlich nur noch eigene Titel zu machen. Wir merkten erst dann, daß Jan, der zu BLACKOUT-Zeiten noch Schlagzeug spielte, eine sehr traurig und melancholisch klingende Stimme hat. Es hat einfach alles ganz gut gepaßt.

DEPRESSIVE AGE-Bandphoto 2

Wie erzeugt Ihr diesen besonderen Touch, diese Stimmung, in Eurer Musik?

Wenn wir die Stücke schreiben, machen wir uns keinerlei Gedanken zu der Stimmung, die rüberkommen soll. Ich glaube, das entsteht hauptsächlich durch den Gesang.

Ist für Dich Heavy Metal Kunst?

Irgendwo schon! Eigentlich ist jede Art von Musik eine Form von Kunst. Aber in Bezug auf Heavy Metal ist es vielleicht ein ungünstiges Wort.

Es wurde eigentlich in diesem Zusammenhang noch nicht so häufig aufgebracht, aber ich denke, daß alles Kreative und Originelle auch die Bezeichnung "Kunst" verdient! Siehst Du Eure Musik als Kunst an, auch im Sinne von Selbstverwirklichung?

Sind vielleicht beides keine allzu treffenden Ausdrücke! Sicher bringt man seine Gefühle, Erfahrungen und Gedanken mit in die Musik ein, selbst wenn Du es gar nicht willst. Es spiegelt sich immer in der Musik wider, aber ganz besonders in den Texten.

Gut, damit hättest Du genau das richtige Stichwort erwähnt, denn ich wollte genau auf dieses Thema eingehen! Dieses Feeling, das Ihr mit der Musik rüberbringt, kommt ja auch in den Texten zum Ausdruck! Rührt das eventuell noch aus der Zeit in der DDR her, indem Ihr versucht, diese Zeit zu verarbeiten?

Eigentlich überhaupt nicht! Wir hatten damals zwar viele schlechte Erfahrungen gemacht, aber wie schon gesagt, hatten wir damit abgeschlossen, als wir rüberkamen. Allerdings hat Jan in ›Innocent In Detention‹ seine Zeit im Knast verarbeitet, was jedoch in dieser Hinsicht der einzige Text ist.

In ›Transition‹ beschreibt Ihr die Gefühle, die ein Selbstmörder, der sich von einem Haus herunterstürzt, während des Sturzes hat. Erzähl' doch mal etwas zu den anderen, besonders neueren Texten, von Songs, die nicht auf den Demos waren. Habt Ihr nicht auch Sachen dabei, die nicht ganz so unheilvoll sind?

›Memories Of Autumn Times‹ beschreibt auch ein sehr persönliches Erlebnis von Jan, nämlich, daß seine Schwester mit 13 Jahren Selbstmord begangen hat, weil der Stiefvater sie sexuell mißbraucht hat und daß der Stiefvater sich kurz danach auch umgebracht hat. Der Text beschreibt die Gefühle Jans zu dieser Zeit, als das passierte. Die Texte sind teilweise sehr realistisch, aus eigenem Erleben. Wir haben aber auch ganz andere Texte. In ›Circles Colour Red‹ geht es dagegen um einen Amokläufer. Oder aber ›The Light‹ ist ein eher unrealistischer Text über einen Fischer, der aufs Meer fährt und immer von einem Licht angezogen wird. ›Beyond Illusions‹ soll beispielsweise Anstöße geben, bewußter zu leben. Es sind also auch solche Texte dabei!

DEPRESSIVE AGE-Bandphoto 3

Die beiden Demos als DEPRESSIVE AGE hattet Ihr einmal mit Andreas Gerhardt und einmal mit Harris Johns aufgenommen, die beide bestimmt keine Unbekannten mehr sind. Wie kam es dazu?

Andreas hatten wir in Berlin kennengelernt, und er ist praktisch ein Freund von uns. Er hat sich sofort bereiterklärt, das Demo mit uns zu machen. Seine Erfahrung war für uns sehr wichtig, und zudem hat er es uns noch sehr preiswert gemacht. Harris hatte unser erstes Demo mal bekommen und hatte uns ermöglicht, drei Tage kostenlos bei ihm im Studio aufzunehmen! Ich muß aber dazu sagen, daß wir nicht mit ihm, sondern mit seinem Assistenten aufgenommen haben. Das ist seinerzeit etwas falsch rübergekommen.

Da muß ich zugeben, daß ich das auch mißverstanden habe! Ihr habt dann bei DRAKKAR einen Managementdeal erhalten. Welche Erwartungen setzt Ihr in DRAKKAR, weil man im Zusammenhang mit diesem Namen doch an Bands wie KREATOR, RISK oder RAGE denkt.

Die Zusammenarbeit lief bis jetzt sehr gut, denn wir konnten diese kleine Tour mit CORONER machen, und dann folgte die "Demo + T-Shirt"-Aktion. Letztendlich wird man sehen, was daraus entsteht. Wir sind aber ziemlich realistisch und gehen auch nicht mit solch' riesigen Erwartungen an die Sache ran.

Damit hättest Du mir schon wieder das nächste Stichwort aus dem Mund genommen, denn wie schon damals bei RISK gab es diese Aktion, daß Demo und Shirt für 10,- DM verkauft wurden. Zunächst war geplant, daß dieses Demo eine Zusammenstellung aus dem ersten Demo und dem zweiten, das ja nur ein unverkäufliches Promotape war, werden sollte. Nun stehen aber nur drei Songs plus dem Intro ›Awaits‹ des ersten Demos auf diesem Tape. Wie kam das? Wäre es nicht noch besser gewesen, einige neue Stücke für dieses Tape aufzunehmen?

Irgendwie ist da alles schiefgelaufen. Wir hatten uns da nicht richtig abgestimmt und irgendwo gab es ein Mißverständnis! Dennoch war es für die Leute günstig, für 10,- DM ein Demo plus T-Shirt zu kriegen, und es war auch eine gute Vorarbeit für die Platte. Neue Stücke wollten wir nicht aufnehmen, da wir zunächst mal alle Demostücke auf die Platte bringen wollten.

Okay, wir haben nun schon mehrfach das Wort "Platte" erwähnt. Diese ist ja nun Wirklichkeit geworden, und so darfst Du zum Abschluß noch etwas dazu erzählen!

Wir haben also, wie schon gesagt, die ganzen Demostücke plus ein neues Stück aufgenommen. Wir konnten diesesmal intensiver an den Stücken arbeiten, so daß der Sound viel besser ist. Alles kommt knallhart, so wie wir es auch haben wollen. Wir hatten die Möglichkeiten, die Songs so zu aufzunehmen, wie sie in unserer Vorstellung existierten. Auch Jans Stimme hat sich verbessert, denn sein Gesangsunterricht macht sich allmählich bemerkbar. Auch an den Stücken haben wir noch etwas gearbeitet, so daß es leichte Veränderungen gibt.

Zum Zeitpunkt, wenn UNDERGROUND EMPIRE 6 erscheinen soll, wird »First Depression«, so der Titel der DEPRESSIVE AGE-Platte, schon etwa einen Monat lang Gast in den Stuben der Plattenläden sein, so daß Ihr Euch schon an dem Teil ergötzen könnt. So will ich Euch also der Platte überlassen, anstatt noch viel zu schwätzen, und zum Abschluß nur noch Jochens Bitte Folge leisten und seinen Dank an alle Magazine, Fanzines und Fans weiterzuleiten, die DEPRESSIVE AGE unterstützt haben.

Vorbereitung:
Heiko Simonis + Stefan Glas

Interview & Bearbeitung:
Stefan Glas

Photos: Volker Beushausen [Photo 1], Stefan Glas [Photo 2 & 3]

DEPRESSIVE AGE-Logo

 

DEPRESSIVE AGE im Überblick:
DEPRESSIVE AGE – Beyond Illusions (Demo-Review von 1990 aus Metal Hammer 02/91)
DEPRESSIVE AGE – From Depressive Age To D-Age (Rundling-Review von 2000 aus Online Empire 5)
DEPRESSIVE AGE – Lying In Wait (Rundling-Review von 1994 aus Underground Empire 7)
DEPRESSIVE AGE – The New Demo (Demo-Review von 1991 aus Metal Hammer 09/91)
DEPRESSIVE AGE – Underground Empire 5-"German Metal"-Artikel (aus dem Jahr 1991)
DEPRESSIVE AGE – Underground Empire 6-Interview (aus dem Jahr 1992)
DEPRESSIVE AGE – Underground Empire 6-Special (aus dem Jahr 1992)
DEPRESSIVE AGE – Metal Hammer 04/92-Special (aus dem Jahr 1992)
DEPRESSIVE AGE – Metal Hammer 05/92-Interview (aus dem Jahr 1992)
DEPRESSIVE AGE – Online Empire 1-"Shirt Story"-Artikel (aus dem Jahr 1998)
DEPRESSIVE AGE – News vom 21.10.1991
DEPRESSIVE AGE – News vom 28.01.2005
DEPRESSIVE AGE – News vom 27.08.2022
Playlist: DEPRESSIVE AGE-Album »First Depression« in "Cavelist Metal Hammer 12/92" auf Platz 3 von Stefan Glas
Playlist: DEPRESSIVE AGE-Album »First Depression« in "Jahrescharts METAL HAMMER 1992" auf Platz 5 von Stefan Glas
Playlist: DEPRESSIVE AGE-Album »First Depression« in "Playboylist Underground Empire 6" auf Platz 1 von Heiko Simonis
Playlist: DEPRESSIVE AGE-Album »First Depression« in "Playlist Heavy, oder was!? 64" auf Platz 2 von Stefan Glas
Playlist: DEPRESSIVE AGE-Album »Symbol For The Blue Times« in "Jahrescharts METAL HAMMER 1994" auf Platz 7 von Stefan Glas
siehe auch: Musik von DEPRESSIVE AGE im Film "Tears Of Kali"
unter dem späteren Bandnamen D-AGE:
D-AGE – Pre-Production 1998 (Do It Yourself-Review von 1998 aus Y-Files)
© 1989-2024 Underground Empire


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