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SAINT VITUS
CENTURIONS GHOST

Wien, Arena

15.02.2010

Obwohl sich auch in Wien ein nicht gerade kleiner Anteil der Bevölkerung an den üblichen Rosenmontagsaktivitäten beteiligt, zieht es doch zumindest mehrere Hundertschaften an Rockmusik-Liebhabern unterschiedlichster Altersgruppen (durch die sich der Autor dieser Zeilen überraschend "durchschnittlich jugendlich" fühlt) in Richtung Erdberg, um einem kulturellen Großereignis der Sonderklasse beizuwohnen.

Gut zwanzig (!) Jahre ist es schon her, als die Institution SAINT VITUS zuletzt die Bundeshauptstadt heimgesucht hat, und von daher erklärt sich wohl auch der verhältnismäßige große Anteil der anwesenden "Veteranen". Wer jedoch denkt, es würde sich um ein Treffen des örtlichen Seniorenbundes handeln, irrt gewaltig, denn auch die "U 30" ist sehr zahlreich erschienen. Apropos "zahlreich": Der Vorverkauf scheint doch nicht ganz nach Plan gelaufen zu sein, so daß der Gig kurzfristig in die "kleine Halle" (Fassungsvermögen: ca. 350) umdisponiert wird. Irritierend kommt dazu, daß zum Zeitpunkt meines Eintretens eine Menschenschlange von ungefähr 30 Personen vor dem Eingang zur "Drei-Raum-Bar" (Fassungsvermögen: ca. 80) geduldig der Dinge harrt. "Die werden doch nicht...", waren meine ersten Gedanken, doch diese sind spätestens beim Eintreffen im (zugegebenermaßen angenehm temperierten) Innenraum der "kleinen Halle" (die man auch durch den Eingang der "Drei-Raum-Bar" erreicht) schnell wieder verflogen. Der Saal füllt sich in den nächsten Minuten aber ohnehin zusehends, so daß eine "wärmende" Atmosphäre gewährleistet ist.

CENTURIONS GHOST-Liveshot

Gegen 20.45 Uhr beginnt dann das Spektakel mit den Briten CENTURIONS GHOST, die sich als würdiger Anheizer für die Doom-Urväter erweisen. Auch wenn ihre Musik auf den ersten Höreindruck nicht unbedingt zu 100 Prozent kompatibel erscheint, können sich die Insulaner am heutigen (und wohl nicht nur an diesem) Abend in die Herzen der Doom-Jünger spielen. Ihr räudiger Mix aus brachialem Doom und Death Metal der ganz, ganz alten Schule (ich vermeine, reichlich Inspirationen von VENOM und CELTIC FROST bei CENTURIONS GHOST ausmachen zu können), der zudem mit vereinzelten Hardcore-Anteilen durchzogen ist und mit amtlicher Sludge-Schlagseite dargeboten wird, scheint nach anfänglich noch verhaltenen Reaktionen im Laufe der gut 45 Minuten Spielzeit vom Publikum durchaus wohlwollend aufgenommen zu werden und stachelt die ohnehin schon sehr aktive Formation noch weiter an. Blickfang ist auf der rechten Bühnenseite natürlich Gitarristin Federica Gialanza, die - auch wenn sie für ihr altschuliges "Live Undead"-Shirt zusätzlich mächtig Sympathiepunkte einheimsen kann - herrlich gefühlvoll in die Saiten greift, selbstredend aber auch derbe riffen kann. Vor allem aber weiß sie mit perfektem Timing zu glänzen und wechselt von einer soliden Rhythmusklampfe immer wieder perfekt zu Leads in bester britischer Tradition. Aber auch Frontmann Jake Harding - optisch eine Mischung aus Lee Dorrian und einer "Weight Watchers-Ausgabe" von Johan Hegg, und der den bisherigen Shouter Mark Scurr kurz vor der Tour ersetzte - zieht die Blicke auf sich, vermag er doch Songs wie das vom neuen Album »Blessed & Cursed In Equal Measure« stammende, überaus beeindruckende ›Temple‹ mit passender Gestik und Mimik zu zelebrieren. Schade bloß, daß nach 45 Minuten schon wieder Schluß sein muß, das Publikum ist zu jenem Zeitpunkt nämlich gerade erst richtig in die Gänge gekommen.

Ob in der anschließenden Umbaupause auch wirklich ausreichend Zeit geblieben ist, sämtliche "Dringlichkeiten" zu erledigen, darf durchaus bezweifelt werden, denn nur gut 15 Minuten später stehen tatsächlich bereits jene vier betagten Herrschaften aus Amiland auf der Bühne, die gekommen sind, um mit dem Publikum ihren "Veitstanz" zu absolvieren. In der Besetzung Dave Chandler, Scott "Wino" Weinrich, Mark Adams und Henry Vasquez (der den im letzten Jahr eher indisponierten Armando Acosta ersetzt) legen die Herren nach einer freundlichen beiderseitigen Begrüßung mit ›Living Backwards‹ amtlich los. Besagter, geradezu programmatischer Titel stellt in Folge das Fundament dar, von dem aus die Amis das Auditorium auf eine Zeitreise in die Rockmusik-Kulturgeschichte mitnehmen. Publikum und Band sind gleichermaßen erfreut, einander nach so langer Zeit erneut (oder eben zum ersten Mal überhaupt) zu begegnen, und deshalb steigert sich die Stimmung auch förmlich permanent. Ein nicht unerheblicher Anteil dafür muß Gitarrenheld Dave Chandler zugesprochen werden, der uns auf anbetungswürdige Manier zu wissen gibt, daß er Jimi Hendrix offenbar seit Kindheitstagen an verehrt und auf ähnliche Weise wie jener Saitenmagier, nicht nur seine Finger gebraucht, um seinem Arbeitsgerät Töne zu entlocken. Auch die Erklärung des Begriffes "Wah-Wah" wird dem Zuseher ohne eingehende Erklärung sonnenklar, schließlich winselt die GIBSON des Meisters an diesem Abend mehr als nur einmal.

SAINT VITUS-Liveshot 1

Weniger spektakulär agiert auf der linken Bühnenseite Mark Adams, der eher den "klassischen" Bassisten im Sinne eines Ruhepols gibt. In einem Punkt steht Mark seinen Kollegen aber in nichts nach, nämlich dem Getränkekonsum. Zwar scheint der Basser auf Bier eingeschworen zu sein, die Anzahl der geleerten Halbliterdosen erweist sich jedoch als überaus beachtlich, vermag allerdings kaum merkliche Wirkung zu hinterlassen. Nicht schlecht dieses Durchhaltevermögen, Respekt gebührt im speziellen jedoch der Funktionstauglichkeit seiner Blase!

Doch nicht nur der Mann am Viersaiter scheint übermäßig durstig zu sein, auch seine Kollegen unternehmen etwas gegen aufkommende Trockenzustände im Hals. Während sich Chandler an Wodka vergnügt, machen es sich Vasquez und Wino mit Whiskey gemütlich und lassen darüber hinaus die Flasche in der "Frontrow" kreisen.

SAINT VITUS-Liveshot 2

Doch keine Bange, die Herrschaften vergessen keineswegs das Essentielle an diesem Abend und kredenzen Wien natürlich auch eine überaus feine Setlist. Dabei kommen ausschließlich Songs der 80er Jahre zum Einsatz, während man die Spätphase der Band nicht berücksichtigt. So kommt Wien logischerweise in den Genuß von Songs vom Debut, wie beispielsweise der Bandhymne ›Saint Vitus‹, mit dem man den offiziellen Set beendet. Ebenso vertreten ist das 1985er Epos »Hallow's Victim«, von dem ›Mystic Lady‹ und ›White Stallions‹ zur Aufführung gelangen. Unverzichtbar, weil die Referenzscheibe von SAINT VITUS schlechthin, ist natürlich »Born Too Late«, auf das gleich viermal (›Clear Windowpane‹, ›The War Starter‹, sowie ›Dying Inside‹ und der Titelsong) zurückgegriffen wird. Aber auch Auszüge der beiden kurz vor den 90er Jahren veröffentlichen Alben »Mounful Cries« (›The Troll‹) und »V« (›I Bleed Black‹) finden Berücksichtigung und werden von der dankbaren, mit Fortdauer der Spielzeit von einer mächtig begeisterten, hin zu einer euphorisch mitsingenden mutierten, Meute frenetisch bejubelt. Vor allem Frontmann Wino zeigt sich mehr als überrascht von der Resonanz, was den Kerl zu wildesten Einlagen am Mikroständer animiert und das, obwohl er an sich eine immense Coolness ausstrahlt und als "personifiziertes Charisma" über eine Aura verfügt, die dermaßen hell erstrahlt, daß die Straßenbeleuchtung in ganz Erdberg eingespart werden könnte.

Der "alte Knabe" zeigt sich von einer sehr agilen Seite und zieht dadurch permanent die Aufmerksamkeit der Zuseher auf sich, gewährt seinen Kumpanen aber dennoch ausreichend Zeit, um sich im Rampenlicht zu präsentieren. Diese Darbietungen fallen durch die Bank erwartungsgemäß so aus, daß die Inspiration von den Großmeistern den späten 60ern und 70ern Jahre sehr wohl zu erkennen ist, jedoch immerzu um die räudige Erdigkeit von SAINT VITUS ergänzt wird. Doch anstelle sich selbst als Musiker in den Vordergrund zu stellen, ist es bei sämtlichen instrumentalen Darbietungen schlicht und ergreifend das "Werkzeug" selbst, dem es die Aufmerksamkeit zu schenken gilt. Mehrfach und imposant vorexerziert von Dave Chandler, der generell einen überaus fitten Eindruck hinterläßt und zudem als Entertainer brilliert, wie damit, als er - nicht ganz so wie Jimmy Page einst, mit dem Geigenbogen seine Saiten streichelt - sondern seiner Klampfe mit einem Drum-Stick obskure Töne entlockt. Das Spiel des in Ehren ergrauten Gitarristen fällt den gesamten Abend über genauso imposant aus wie die hingebungsvolle Sangesdarbietung von Wino, der gegen Ende regelrecht in Ekstase gefallen zu sein scheint, während die unauffällige und unspektakuläre, aber ungemein kompakte Rhythmusabteilung über die gesamte Dauer einen formidablen Soundteppich ausbreitet.

SAINT VITUS-Liveshot 3

Die knapp 100 Minuten Spielzeit vergehen wie im Flug, wobei das Publikum speziell bei der letzten Zugabe ›Born To Late‹ alles gibt und daher der Saal auch bis zum Schlußakkord zum Bersten voll ist. Verschwitzt, aber glücklich verlassen SAINT VITUS knapp nach 23.30 Uhr die Bühne, während das Auditorium - nicht weniger triefnaß und mindestens ebenso freudig erregt - den Heimweg antritt.
Was dieses mit auf den Heimweg nimmt? Die Erkenntnis, ein überaus gelungenes Konzert mitverfolgt zu haben und darüber hinaus jene, an diesem Abend ein Stück Rockmusik-Geschichte livehaftig und in Bestform erlebt haben zu dürfen.


Walter Scheurer

Photos: Michael Austerer

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siehe auch: Split-CD von THE HIDDEN HAND mit WOOLY MAMMOTH
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