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"Rock Hard Festival" 2008

Gelsenkirchen, Amphitheater

09.-11.05.2008

Pfingsten? "Rock Hard Festival"! So einfach lautet die Formel, die sich unzählige Metaller schon längst auf ihre Fahnen geschrieben haben. Und auch in diesem Jahr, in dem die Veranstalter, unsere Kollegen vom ROCK HARD-Magazin, ihren ersten Festival-Sixpack vollmachten, wird niemand die Reise nach Gelsenkirchen bereut haben, denn im Halbrund des Amphitheaters konnte man ganz nach seinem Gusto in den ersten Reihe mitbangen, seine Crowdsurfingtechnik verbessern oder auch einfach "nur" von den Rängen aus ganz entspannt dem lustigen Treiben vor und auf der Bühne zuschauen und sich dabei von erstklassiger metallischer Kost jeglicher Couleur beschallen lassen. Ja, mittlerweile ist sogar Petrus ein uneingeschränkter Fan des "Rock Hard Festivals", denn zum ersten Mal war an allen drei Veranstaltungstagen ausschließlich grandioses, fast schon hochsommerliches Wetter angesagt. Daß darüber hinaus die Preise fanfreundlich ge­blie­ben waren und die Security geradezu gentlemanlike mit allen Besuchern umging, gehört zu den erfreulichen Rah­men­be­ding­ungen, die das "Rock Hard Festival" auch 2008 zu einer tollen Veranstaltung machten. So schön kann ein Festival, so schön kann Metal sein!

Allerdings geht dank der Tatsache, daß bei der Anfahrt ab Kölle nahezu nur noch Stop and Go angesagt ist - der Verkehr am Freitag vorm Pfingstwochenende ist eben die Hölle... - der Gig von THE CLAYMORE ohne ernsthafte Anwesenheit meinerseits vorüber. Was ich während des Anstehens für die Festivalarmbänder mithören darf, klingt allerdings durchaus beachtlich. Zudem haben THE CLAYMORE auf ihren bisherigen Aufnahmen schon bewiesen, daß sie einiges auf dem Kasten haben. Der brandneue Song ›Soulseeker‹, den man auf der Homepage der Band (http://www.theclaymore.de/) findet und der auf der kommenden Platte der Truppe stehen wird, untermauert dies. Die Scheibe ist übrigens schon aufgenommen, doch die Band sucht noch nach einem kompetenten Labelpartner.

STORMWARRIOR-Liveshot

Doch nun wird es Zeit, sich livehaftig der Bühnenaction zuzuwenden, die die Nordmänner STORMWARRIOR fortsetzen. Die Band, die sich besetzungstechnisch im permanenten Wandel befindet - was nicht darauf abzielt, daß die Hamburger heuer ohne ihr sechstes Mitglied Kai Hansen auflaufen und demzufolge in Gelsenkirchen keine HELLOWEEN-Oldtimer zu bejubeln sind - war in Gestalt von »Heading Northe« eine erstaunlich gute Platte gelungen, die alle ihre bisherigen Scheiben locker in den Schatten stellte. Beste Voraussetzungen also für die Truppe, deren neuester Zugang Jens Leonhardt Arnsted ist, manch einem auch noch unter seinem Pseudonym "Yenz Cheyenne" bekannt, der früher bei Truppen wie =Y= oder GEISHA gespielt hatte, heute zudem bei IRON SAVIOR und SAVAGE CIRCUS zockt, doch steht unterm Strich "nur" eine solide Show, bei der die Stimmung eher verhalten bleibt, was allerdings auch daran liegen mag, daß zu diesem Zeitpunkt noch nicht allzu viele Festivalbesucher das Halbrund zu Gelsenkirchen füllen - schätzungsweise haben sie mit den gleichen Problemchen bei der Anfahrt zu kämpfen...

LAKE OF TEARS [S]-Liveshot

Mit dem verstärkten Zustrom an Zuschauern steigt nämlich auch die Action vor der Bühne und so kann man nämlich feststellen, daß bei den nachfolgenden LAKE OF TEARS die Stimmung deutlich besser wird - und das obgleich LAKE OF TEARS eigentlich keine Mucke für Party Animals machen und zudem noch die Todsünde begehen, ihren größten Hit, ›Devil's Diner‹, nicht zu spielen.

Y&T-Liveshot

Allzu viele Worte braucht man auch bei Y&T nicht zu machen, denn wir haben in den letzten Jahren genügend Lobeshymnen auf die Band gesungen. Natürlich sind Y&T auch beim "Rock Hard Festival" grandios, obgleich sie einige echte Gassenhauer außen vor lassen und sich stattdessen bemühen, eine andere Setlist als bei ihren anderen Besuchen in Europa zum besten zu geben, so daß auch der ein oder andere Song von den »Unearthed«-CDs zum Zuge kommt. Natürlich ist es schade, wenn man zwar eine Übernummer wie ›Midnight In Toyko‹ erleben darf, aber auf das Fauchen des ›Black Tiger‹ verzichten muß, jedoch es steht außer Frage, daß die Band unzählige Klassiker hat, die es allesamt verdient haben, gehört zu werden. Als dann der erste Crowdsurfer, ein Jüngling im MAYHEM-Shirt, über die Menge gleitet oder spätestens als die Truppe mit ›Forever‹ den Schlußspurt einleitet, stehen Y&T endgültig auf der Seite der Sieger des Festivals, und sie hätten können gar den Tagessieg davontragen, wenn da nicht die Reitermania gewesen wäre, die bei Festivals einfach unschlagbare Reitermania!

DIE APOKALYPTISCHEN REITER-Liveshot

Wo bei anderen Bands vielleicht mal hier oder da eine Spaßrakete gezündet wird, ist bei den APOs ein absolutes Dauerfeuer angesagt, für das allein schon Frontmann Fuchs (The Artist formerly known as Eumel...) sorgt, der seinen grandiosen Humor mittlerweile dank eines Hebpodestes auch mal von ganz hoch oben versprühen kann. Zudem ist es für DIE APOKALYPTISCHEN REITER vorteilhaft, daß auch unbekannte Songs (was bei mir leider auf die Nummern der letzten Alben zutrifft) sofort zünden, denn die REITER haben glücklicherweise das ultimative Händchen für griffige Songs. Diese werden heuer übrigens nach dme Auftritt beim "Hexentanz"-Festival am Bostalsee zum zweiten Mal von der neuen Gitarristin Lady Cat-Man - in schickem knallweißen Lederoutfit - live geklampft, die in Sachen Performance sicherlich noch nicht die Beweglichkeit ihrer Mitstreiter erreicht, doch das soll man zu diesem Zeitpunkt keinesfalls überbewerten. Als weiteres Bonbon lockt sich der ausgefuchste APO-Frontmann bei ›Seemann‹ gleich zwei zugehörige Bräute auf die Bühne, wobei die eine bevorzugt die Mähne kreisen läßt, während die andere eine ausgesprochene Tänzerin ist. Eines haben sie indes gemeinsam: Sie wollen nach "ihrem" Song die Bühne nicht verlassen! Statt also wieder im Publikum abzutauchen, klettert die Headbangerin vor dem Herrn zu Keyboarder Dr. Pest in dessen Vogelkäfig, wo sie flott mit Handschellen festgekettet wird, während das zweite Mädel eine Klampfe in die Hand gedrückt bekommt und einfach mal als zweite neue Gitarristin der Band vorgestellt wird. Gegen Ende des Gigs gibt es zudem die Crowdsurfingvariante eines Schlauchbootrennen - bis ganz hinauf an den oberen Rand der Amphitheaterränge - und demzufolge einen Bootsführer, der beim Bergabfahren in seinem quietschfidelen Gummiboot garantiert ein arg mulmiges Gefühl im Bauch hat...

TESTAMENT-Liveshot

Wie zuvor schon angedeutet, sind DIE APOKALYPTISCHEN REITER der unbestrittene Höhepunkt des ersten Tages - und letztendlich sollte es nur noch eine Band während des gesamten Festivals schaffen, diese Show zu toppen - obgleich TESTAMENT eigentlich angesichts der extrem old schooligen Songauswahl (inklusive des ewig nicht mehr gespielten Demoklassikers ›Raging Waters‹!) die Möglichkeit gehabt hätten, dem Auftakttag die Krone aufzusetzen, doch da gab es leider das ein oder andere Problemchen... Ohne Alex Skolnick und seine unvergleichliche Solotechnik, der sich bei einer seiner Jazz-Clinics austoben muß (Äh, also, Alex und seine Solotechnik...), fehlt einfach ein elementarer Bestandteil des TESTAMENT-Sounds, den Eric allein nie und nimmer ersetzen kann. Um etwaigen Lücken im Sound vorzubeugen, wird der Baß enorm hochgedreht, was in einem schepperigen und rumpelnden Sound resultiert, was den möglichen Spaß bei diesem Gig endgültig tötet...

Nach dem leider nur teilweise gelungenen Abschluß des ersten Tages, ist Krafttanken für die beiden kommenden Tage angesagt, die noch einige hochkarätige Acts in petto haben sollen.

THE SORROW-Liveshot

Der zweite Tag des "Rock Hard Festivals" beginnt mit einer Doppelpackung Kummer: Nach den Österreichern THE SORROW, die ein durchaus gutes Bild hinterlassen und mit aktivem Stageacting glänzen, mit ihrem Metalcore allerdings nur hier und da für nennenswertes Feedback sorgen, folgen MOONSORROW.

MOONSORROW-Liveshot

Die Finnen und ihre düster-brachialen Marathonhymnen sind sicherlich auch nicht das perfekte Festivalfreßchen - zumal Dunkelheit einfach bestens zur MOONSORROW-Stimmung paßt, während knallige Sonne doch eher kontraproduktiv erscheint. Dennoch sorgten MOONSORROW für die ein oder andere nicht zu verachtende Gänsehaut, so daß die Finnen bewiesen, daß sie sich auch unter erschwerten Bedingungen zu verkaufen wissen.

HELSTAR-Liveshot

Sehr viel klarer waren die Fronten schon im Vorfeld bei HELSTAR: Wunderröhre James Rivera und seine Jungs sind zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Leckerbissen! Wie schon beim gerade mal einen Monat zurückliegenden Gig beim Jubiläums-"Keep It True" lesen uns die Jungs eine US-Metal-Lehrstunde, die auch in Gelsenkirchen ihre Wirkung nicht verfehlt. Da die Show allem Anschein nach mitgeschnitten wurde, können wir uns davon demnächst wohl auch vor der heimischen Stereoanlage überzeugen.

ENSLAVED [N]-Liveshot

Dann ist wieder Futter für die härtere Fraktion angesagt, wobei ENSLAVED zweifelsohne auch eine Band sind, die nicht nur eine bestimmte Fanklientel anspricht, sondern quer durch die ganze Metalszene Bewunderer hat; und seit ihrer Schafklauaktion haben Grutle & Co. ohnehin einen Bonuspunkt für schrägen Humor verdient. Daher sind wie schon zuvor bei MOONSORROW die äußeren Umstände nicht maßgerecht auf die Band zugeschnitten, aber dennoch gehen ENSLAVED als ein weiterer Sieger des Festival über die Ziellinie.

EXCITER [CDN]-Liveshot

Das kann man von den nachfolgenden EXCITER nun wirklich nicht behaupten. Zwar schreddelt John Riccis Gitarre wie gewohnt, aber doch ist nichts wie zuvor. Ich hatte zwar schon auf der aktuellen EXCITER-Scheibe den Gesang von Kenny "Metal Mouth" Winter nur als okay eingestuft, doch live fehlt ihm leider genau das, was seine Vorgänger ausgezeichnet hat: Charisma! Wo Dan Beehler mit seiner zerstörerischen Kombination aus Drumming und Gekreisch zumindest ein beeindruckendes Bild abgab oder Jacques Bélanger als unbestreitbar souveräner Frontmann - ja, fast schon als Führerfigur - agierte, wirkt Kenny allenfalls wie ein entfesselter Kugelblitz. Das mag ja auch ganz reizvoll sein, und zudem hat er sich backstage schnell als äußerst sympathischer Zeitgenosse entpuppt, aber gesanglich hat er deutliche Defizite, denn immer beim Umschalten vom normalen Gesang auf die hohen Schreie, entsteht ein merkliches Loch, so daß die alten Songs deutlich schlechter rüberkommen als es bei Jacques der Fall gewesen war, der alle EXCITER-Songs fabelhaft geshoutet hatte. Schade, aber derzeit können die neuen EXCITER nicht mit den vorhergehenden und den ganz alten EXCITER mithalten.

AMORPHIS-Liveshot

Kein Zweifel indes im Falle AMORPHIS: Der neue Sänger Tomi Joutsen hat sich schon längst als brillanter Frontmann erwiesen, so daß dieser Auftritt für die Jungs aus Helsinki der erwartete Spaziergang wird - zumal dank des in diesem Jahr härter ausgerichteten Billings der Prozentsatz der Extremwurstfresser im Publikum höher ist, wovon AMORPHIS ebenso profitieren wie ihre Nachfolger EXODUS.

EXODUS [US, CA]-Liveshot

Zwar wird die Bay Area-Legende mit ihrem Brüllaffen Rob Dukes am Mikro nie auch nur ansatzweise die Nuanciertheit vergangener Tage erreichen, aber damit haben sich EXODUS-Fans wohl mittlerweile abgefunden. Abgesehen davon kriegt man heutzutage kaum noch mehr Riffgeschredder geboten als von dem Duo Holt/Altus - auch wenn ich diese melodischen Untertöne von früher stets schmerzlich vermisse.

IMMORTAL [N]-Liveshot

Wer hätte gedacht, daß eine der Black Metal-Ikonen einen ausgeprägten Sinn für - logo! schwarzen Humor und vor allem für Selbstironie an den Tag legen kann? Sollten IMMORTAL jemals die bööösen Schwarzwurzelmörder gewesen sein, dann haben sie spätestens seit ihrem Comeback ein 180-Grad-Kehrtwendung gemacht: Allein schon bei Abbaths erster Ansage, "Good evening, Ladies and motherfuckers!", zerriß es mich fast, und sein immer wieder zelebrierter "Storch im Salat"-Gang war ebenfalls humoristisch enorm wertvoll. Doch es gibt natürlich auch die essentiellen Showbestandteile wie Abbaths Feuerspucken plus sonstige pyrotechnische Spielereien und natürlich eine "Best Of"-Programm wie man es sich bei solchen Reunionshows natürlich wünscht. Auf jeden Fall bin ich selten so gutgelaunt von einer Black Metal-Show weggegangen!

Es ist nicht ohne einen Funken Ironie, daß genau um Highnoon, also jenem Zeitpunkt, an dem die Sonne am höchsten am Firmament steht (na ja, dank der Erfindung und Einführung der Sommerzeit ist diese Aussage nicht ganz korrekt, aber davon lasse ich mir doch nicht eine Supereröffnung für ein Review kaputtmachen...), eine Band namens ENEMY OF THE SUN als Sonntagsopener des "Rock Hard Festivals" auf die Bühne gehen soll - was vielleicht auch der Grund ist, weshalb die neue Kapelle von Waldemar Sorychta einen Frühstart hinlegt und fünf Minuten früher auf die Bühne geht.

ENEMY OF THE SUN-Liveshot

Auf jeden Fall gibt es für die ENEMIES viel zu bekämpfen, denn die Sonne brettert wie bekloppt auf die Festivalbesucher herab, die sich aber von der Truppe mitreißen lassen und jede Menge verdienten Applaus spenden. Die Truppe legt nach der gelungenen Erstlingsplatte nämlich auch eine erstaunlich gute Liveshow aufs Parkett, was vor allem an Sänger Jules Näveri (ex-MISERY INC.) liegt, der ein sehr aktiver Frontmann ist und teilweise wie ein Brummkreisel über die Bühne fegt, so daß man ihn sich auch in einer Metalcore- oder Amphetamin-Band vorstellen könnte... Als Tüpfelchen auf dem "i" kommt auch Waldemars ehemalige Band GRIP INC. zu Ehren, denn ENEMY OF THE SUN spielen die beiden GRIP INC.-Songs schlechthin, nämlich ›Ostracized‹ und ›Hostage To Heaven‹, die ebenfalls kräftig beklatscht werden, wenngleich der ansonsten famos aufspielende Daniel Zeman natürlich nicht diese flockige Beschwingtheit eines Dave Lombardos hinkriegt. Aber: Wer kann schon gegen den Besten der gesamten Thrashszene anstinken?

SIEGES EVEN-Liveshot

"Ich hatte eigentlich eher befürchtet, daß wir hier mit Tomaten beworfen werden!", grinst SIEGES EVEN-Gitarrist Markus Steffen nach der Show. Eine Befürchtung, die sicherlich nicht völlig falsch war, denn in dem ungleich härteren Billing gegenüber den letzten Jahren gab es im Vorfeld gewiß keine Garantie für die deutschen Vorzeige-Progger, daß sie hier wirklich gut ankommen würden. Doch dem ist so, wobei einige Faktoren hier positiv mit hineinspielen: Zum einen ist Oliver ein super Showmann, der es anscheinend genießt, daß er hier voll aufdrehen kann und sich nicht wie bei BLIND GUARDIAN als Sessionmusiker in Zurückhaltung üben muß. Teilweise liefert er sich sogar eine Mischung aus einem kleinen Gefecht und Ringelreihetanzen mit Sänger Arno Menses - während er ganz gelassen seine abgefahrenen Baßlinien weiterzupfte... Überhaupt haucht Arno - aussehensmäßig eine Mischung aus Fish und Joe Cocker - dem Gig dank seines Auftretens Leben ein. Er sorgt für einen ordentlichen Spaßfaktor ohne alles ins Lächerliche zu ziehen. Einzig Markus hat keinen sonderlich großen Aktionsradius, doch er tut sich durch sein grandioses Gitarrenspiel hervor - sofern es ihm die Technik gestattet, denn zwischenzeitlich will der Amp einfach keine Gitarrentöne ausspucken, so daß SIEGES EVEN für einige Augenblicke holzwärtiger denn je sind. Kurz: SIEGES EVEN waren noch nie wertvoller als heute - und wer würde daran zweifeln, daß die Band - nach mehr als zwanzig Jahren Existenz - die Idealbesetzung gefunden hat? Kein Wunder also, daß sie zu einer der positivsten Überraschungen des Festivals werden und einer der großen Gewinner des Festivals sind.

ASPHYX-Liveshot

Nun ist es an der Zeit, wieder die Glocke mit dem großen Hammer zu bearbeiten: Den Holländern ASPHYX war bekanntlich beim letztjährigen "Party.San Open Air" ein famoses Comeback gelungen, so daß neue Verpflichtungen natürlich nicht auf sich warten ließen - wie der Auftritt beim RHF 2008, wo die Mannen um Martin van Drunen (vielleicht der geilste Death Metal-Shouter aller Zeiten?) ebenfalls überzeugen können. Wichtigstes Element der Show sind - neben Martins Vocals und den fetten Riffs - die Ansagen der Fronters, die er in fast gestochenem Deutsch bringt. Vor allem sein Wehklagen über seine Heuschnupfenbeschwerden - wodurch er heute vielleicht noch etwas verrotzter klingt - hat einen enormen Kultfaktor.

Jorn-Liveshot

Über Ex-MASTERPLAN-Shouter Jorn und seine Band kann man gewiß trefflich streiten. Während mich noch keine der Platten des Herrn Lande so wirklich aus den Socken geknallt hat, und Jorns Livecharisma auch nicht gerade gestiegen ist, was er mittlerweile durch explizites Posing für die Photographen zu kompensieren scheint, empfinden viele Besucher den Auftritt als eine Offenbarung. Meinereiner kann sich an Jorns exzellenten Gesang und dem zweifelsohne gutklassigen Songmaterial durchaus erfreuen, doch der entscheidende Funke will leider nicht überspringen.

NAPALM DEATH-Liveshot

Wie ein außergewöhnlicher Frontmann aussieht, demonstrierte dann der Nachfolger: NAPALM DEATH-Shouter Barney. Mal abgesehen davon, daß er während der Songs grundsätzlich von einem Krampfanfall nach dem anderen gepackt wurde - glücklicherweise dauern die NAPALM DEATH-Songs ja stets nur ein paar Sekunden... - konnte er mit seinen Ansagen ebenso wie mit seinen Texten beweisen, daß er immer noch zu jenen Persönlichkeiten in der Szene gehört, die stets darauf bedacht sind, hinter die Fassade zu schauen. Doch trotz des Heckmecks, den Barney auf der Bühne verbreitete, ist es nicht zu übersehen, daß sich Basser Shane immer mehr den Beinamen "Lord Fussel" verdient hat, was ihn und seinen Baßgroove allerdings nicht aus der Ruhe bringen.

VOLBEAT-Liveshot

Ohne Worte! Der VOLBEAT ist ein Triumphzug sondersgleichen, zu dem mir ganz einfach die Worte fehlen! Die Dänen sind der haushohe Sieger des kompletten Festivals und ›The Garden's Tale‹ ist die ultimative Hymne dieser drei Tage in Gelsenkirchen! Wenn diese Band, die famose Songs zu schreiben versteht, damit einen ganz eigenen Stil entwickelt hat, und alles live dermaßen grandios rüberzubringen versteht, nicht demnächst wie eine Rakete durchstartet, dann verstehe ich die Welt nicht mehr...

PARADISE LOST [GB]-Liveshot

Danach muß eigentlich jede Band verlieren, und wenn dann eine anscheinend von Natur aus völlig stinklangweilige Liveband wie PARADISE LOST anrückt, wird dieser Kontrast natürlich noch viel größer. Doch immerhin muß man sagen, daß die Band im Vergleich zum Auftritt beim "Knock Out Festival" deutlich besser ist und nicht diese frappierende Lustlosigkeit an den Tag legt, die man in Karlsruhe hatte beklagen müssen.

ROKKEN-Liveshot

Als kleines Special vor dem Abgang haben die ROCK HARD-Leute eine Karaoke-Allstar-Jam angesetzt: Während der gesamten Festivaltage hat Chity Somapala mit seiner Coverband ROKKEN in der kleinen Bühne auf dem Vorplatz des Festivalgeländes gezockt und mutige (oder einfach nur betrunkene) Metaller als Sänger auf die Bühne gelassen. Die Sieger dieser Aktion dürfen nun gemeinsam mit einigen Promis auf die Hauptbühne.

''Rock Hard Festival''-Karaoke-Allstar-Jam-Liveshot

Als Backingband bei der Karaoke-Allstar-Jam fungieren erneut ROKKEN, doch leider haben sich nicht allzu viele Mucker für diesen Spaß zur Verfügung gestellt - Feiglinge! Doch immerhin laufen nach den beiden Gewinnern mit "ihren" Songs Jorn Lande, sein Drummer Willy Bendiksen sowie DESTRUCTION-Frontlippe Schmier auf , um JUDAS PRIESTs ›Breaking The Law‹ zu schmettern, was Götz vom ROCK HARD mit einem flapsigen "Schmier, Du kannst ja richtig singen!" kommentiert. Anschließend darf sich Tore Moren, Gitarrist der Jorn-Band, an METALLICAs ›Enter Sandman‹ versuchen, bevor dann John Riveira und Kenny Winter den ›Painkiller‹ schmettern beziehungsweise quieken und dann die Bühne für die große Schlußvorstellung freimachen.

ICED EARTH-Liveshot

Es geht um alles für ICED EARTH! Triumphale Rückkehr oder endgültiger Genickbruch? Schließlich war die Art und Weise, wie Jon Schaffer seinem "Interimssänger" Tim Owens das Messer in den Rücken gestoßen hatte, alles andere als vorbildlich gewesen. Doch das ist alles schon mehrfach diskutiert worden, jetzt geht es ans Eingemachte, an die Realität, die sich auf der Bühne beim "Rock Hard Festival" abspielt und über die neue Zukunft von ICED EARTH - mit dem zurückgekehrten Matthew Barlow in ihren Reihen - Auskunft geben muß. Dennoch machen es sich ICED EARTH nicht einfach, denn die Songauswahl ist alles andere als perfekt: Bei einem solchen Anlaß hätten zwei Megahits wie ›The Hunter‹ und vor allem ›I Died For You‹ nicht ignoriert werden dürfen; daß das gigantische ›A Question Of Heaven‹ sicherlich nicht festivalkompatibel ist, sieht man ja problemlos ein. Auch hätten vom Debut, dem eben immer noch besten ICED EARTH-Album, mehr als nur ›Iced Earth‹ kommen müssen - auch wenn Matt auf dieser Platte nicht gesungen hatte; Songs wie ›Curse The Sky‹ oder ›Written On The Walls‹ waren früher dennoch fester Bestandteil der ICED EARTH-Shows gewesen. Solche Asse im Ärmel stecken zu lassen und stattdessen verzichtbare Songs wie ›Dracula‹ oder ›Pure Evil‹ zu zücken, wenn alles auf dem Spiel steht, ist mutig - oder vielleicht auch schlicht fahrlässig. Sind sich ICED EARTH ihrer Sache so sicher oder sind sie sich des Ernstes der Lage nicht bewußt? Es könnte natürlich auch unterstreichen, daß im Hause Schaffer die Analysefähigkeit, welche Songs aus dem eigenen Fundus die stärksten sind, eher mangelhaft ist; daß der ICED EARTH-Kopf immer noch nicht verstanden hat, daß die knackigen In-die-Fresse-Songs mit seinen genialen Riffs die wahre Stärke von ICED EARTH ausmachen - eine Befürchtung, zu der man spätestens seit dem pathetischen Geschwurbel des letzten Albums kommen muß, sowie eine Erkenntnis, die nicht gerade hoffnungsvoll auf kommende Werke der Band schauen läßt. Doch wieder zurück zum livehaftigen Geschehen in Gelsenkirchen, wo die Band zweifelsohne sehr gut ankommt, wenngleich zwischenzeitlich die Stimmung ein wenig abflacht, was unter Umständen an den erwähnten Details gelegen haben mag. Am neuen, alten Sänger kann es indes keinesfalls gelegen haben: Sicherlich war es früher auch die gigantische Mähne, die zur Bühnenausstrahlung von Matt beigetragen hatte, aber auch mit Stoppelschnitt ist er immer noch ein charismatischer Frontmann. Wenngleich sieben Jahre Pause sicherlich kein Pappenstil sind und die FIRST STATE FORCE BAND als einziges Trainingscamp nicht ausreichen konnte, um Matts Stimme messerscharf zu halten, singt er dennoch sehr gut und zieht das Publikum durch sehr kumpelhafte und sympathische Ansagen schnell auf seine Seite. Zudem hat er natürlich den unschlagbaren Vorteil, daß er eben die Stimme ist, die man zu diesen Songs erwartet und die man verinnerlicht hat, was den Abend endgültig rettet. Lassen wir also die Vergangenheit ruhen. Nehmen wir diesen starken, wenn auch nicht perfekten Auftritt als Grundlage und geben Jon Schaffer und ICED EARTH eine neue Chance. Eine letzte Chance.

Und damit verabschieden wir uns aus Gelsenkirchen, wo wir im nächsten Jahr garantiert wieder auflaufen werden!


Stefan Glas

Photos: Stefan Glas


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